Wenn Psychotherapie nichts bringt – mögliche Ursachen und Lösungen

Sigmund Freud, Psychotherapie bringt nichts oder macht alles schlimmer.

Sigmund Freud, 1856 – 1939, Begründer der Psychoanalyse, der »Ersten Wiener Schule der Psychotherapie«.

»Wenn man jemandem alles verziehen hat, ist man mit ihm fertig.«

 

1. Allgemeine Aspekte

Nicht wenige Menschen sind in der Situation, dass ihnen Psychotherapie nichts bringt oder sogar alles schlimmer macht. So war es auch bei mir selbst, als ich vor einigen Jahren noch von Depression, Angst und Panikattacken betroffen war.

 

Das Problem dabei ist, dass man nicht weiß, worauf es bei der Psychotherapie ankommt, wenn man sie nötig hat, denn sonst würde man sie gar nicht oder nur wenig davon brauchen. Daher ist es wichtig, in einer solchen Situation Klarheit zu bekommen: Liegt es eher an mir oder eher am Angebot? Bevor man sich unnötig selbst beschuldigt, sollte man bedenken, dass es auch am Angebot liegen kann.

 

Hier wird also nicht behauptet, Psychotherapie würde als Institution großflächig nichts bringen. Es geht hier um jene Fälle, wo Psychotherapie nur schwach hilft, überhaupt nicht hilft oder die Situation hilfesuchende Menschen sogar schlimmer macht.

 

Wie groß dieser Anteil insgesamt ist, darüber sind sich auch Experten nicht einig, weil es sich um eine schwer messbare Sache handelt. Zum Beispiel werden die Erfolge psychotherapeutischer Begleitungen unterschiedlich bewertet. So sehen die einen Therapeuten schon Erfolge, weil die Symptome der Betroffenen kurzfristig etwas weniger geworden sind. Andere sind weitaus strenger in der Beurteilung, was einen psychotherapeutischen Erfolg oder gar eine Heilung ausmacht.

 

Eine weitere Studie, die sich mit Erfolgsmustern von Psychotherapeuten befasste, ergab, dass knapp ein Drittel (der Therapeuten, Anm.) regelmäßig sehr gute Erfolge aufwies, während ein breites Mittelfeld nur bescheidene Verbesserungen erzielte.

Deutsches Ärzteblatt online, Ausgabe Juli 2014[1]

 

Wenn eine Psychotherapie nichts bringt oder sogar negativ wirkt, so kann man genau genommen nicht von Therapie sprechen. Es ist dann nur versuchte Therapie, also die Abhaltung von Sitzungen, ohne jedoch, dass sich ein wirklicher therapeutischer bzw. heilsamer Prozess verwirklicht.

 

Ist das der Fall, so gibt es dafür im Wesentlichen zwei Gründe, die dann noch näher erläutert werden:

  • Die angebotene Hilfe ist nicht gut genug

  • Der Klient ist nicht ausreichend bereit, die Hilfe anzunehmen und anzuwenden.

 

Nicht selten entfachen bei erfolglosen Psychotherapien erbitterte Streitereien zwischen Anbietern und Klienten. Die Anbieter beschuldigen dann oft ihre Klienten, diese würden ihren Widerstand, ihr Leiden oder ihren Krankheitsgewinn nicht aufgeben wollen, oder sie seien einfach »nicht einsichtsfähig«. Manchmal werden Klienten von den Anbietern fallen gelassen wie heiße Kartoffeln. Klienten beschuldigen sich entweder selbst oder ihre Anbieter oder beides.

 

Tatsache ist aber: Eine Besserung oder Heilung ist für die meisten Menschen möglich, und zwar nicht erst nach Jahren oder Jahrzehnten. Es zeigt sich immer wieder, dass viele betroffene Menschen zehn Jahre oder mehr zu allen möglichen Therapeuten gehen. Das müsste nicht sein.

 

Der günstigste Fall ergibt sich, wenn das Angebot gut ist und der Klient eine entsprechende Bereitschaft hat, die Hilfe anzunehmen. Der ungünstigste Fall entsteht umso mehr dann, je mehr diese beiden Faktoren in die gegenteilige Richtung gehen: Ein weniger guter Anbieter und eine geringe Bereitschaft des Klienten.

Alfred Adler, Ihre Psychotherapie bringt nichts.

Alfred Adler, 1870 – 1937, Begründer der tiefenpsychologischen Individualpsychologie, der »Zweiten Wiener Schule der Psychotherapie«.

»Der Mensch, der sich für seine Mitmenschen nicht interessiert, hat im Leben die meisten Schwierigkeiten und fügt anderen am meisten Schaden zu. Solche Menschen sind die Ursache allen Elends.«

 

2. Das Angebot ist nicht gut genug

Viele Therapeuten sind nicht auf der Höhe.

Prof. Hans-Ulrich Wittchen, dt. Psychologe und Psychotherapeut, geb. 1951[2]

Hier geht es nicht darum, eine Zunft pauschal in den Schmutz zu ziehen. Aber es bringt auch nichts, heile Welt zu spielen, wie es vor allem Psychotherapieverbände in ihrem Marketing machen. Da wird es oft so dargestellt, als seien die weniger kompetenten Therapeuten absolute Ausnahmen. Hier geht es auch um viel Geld und darum, dass die Therapeuten schön ausgelastet sind, daher ist diese Branche darum bemüht, betroffenen Menschen die Notwendigkeit teurer Einzelsitzungen schmackhaft zu machen, während ein Großteil der hilfesuchenden Menschen auch durch Selbsthilfe weiterkommen kann.

 

Auch einzelne Anbieter sind oft uneinsichtig, wenn es jemand wagt, ihre Branche zu bemängeln. Da ist dann schnell einmal die Rede von einem Bashing gegen Psychotherapie oder von Verschwörungstheorien. Auch Kritiker aus den eigenen Reihen, von denen es zuhauf gibt, werden schnell einmal als Nestbeschmutzer abgestraft.

 

Solche Anbieter machen es sich oft sehr einfach, indem sie die Ursachen für die fehlenden Therapie-Erfolge einzig und allein bei den Klienten sehen wollen. In Wirklichkeit sind sie selbst diejenigen, denen jegliche Einsicht fehlt. Andere hingegen sind ehrlicher. Sie machen keine Religion aus der Psychotherapie. Sie kennen ihre Grenzen und hinterfragen es einfach kritisch, was sie selbst und die Branche insgesamt besser machen könnten.

 

»Angesichts vieler noch offener Fragen – zum Beispiel derjenigen, wie mit wenig effektiven Psychotherapeuten umgegangen werden soll oder wie sich private Lebensbereiche von Psychotherapeuten auf deren therapeutisches Handeln auswirken – erscheint es notwendig, dass im Hinblick auf die Bedeutung der Person des Psychotherapeuten für den Therapieerfolg weiter geforscht wird.«

Deutsches Ärzteblatt online, Ausgabe Juli 2014[3]

 

Weniger gute Angebote von Beratung und Therapie sind oft oberflächlich, weil sie Hilfesuchende nicht an die wirklichen Ursachen heranführen, und das liegt meiner Ansicht nach oft daran, dass diese Anbieter selbst keine tieferen Krisen überwunden haben.

 

So liegt ein großes Problem schon einmal darin, dass es unmöglich ist, die Eignung der Anwärter in jedem Fall zweifelsfrei festzustellen. Dann sind die Ausbildungen in ihrer Art und Qualität unterschiedlich. Ein Teil der Anwärter kann die Ausbildung positiv abschließen, ohne die eigentlich nötige Motivation und Eignung zu haben, ohne selbst eine »befreite Psyche« zu haben und ohne geprüfte Garantie, betroffenen Menschen bestmöglich helfen zu können.

 

Schließlich werden aktive Psychotherapeuten in der Praxis viel zu wenig überprüft. Es herrscht sowieso eher ein Mangel, da wird man erst recht davon absehen, Therapeuten strenger zu überprüfen und die weniger guten zum Aufhören zu bewegen. Nach ihren Ausbildungen können die meisten Therapeuten mehr oder weniger tun und lassen was sie wollen, da helfen auch die vorgeschriebene Supervision und Weiterbildungspflicht nicht.

 

Was kann man in diesem Leben schon begreifen, ohne es zu erfahren? Wer selbst keine Depression hatte, kann auch nicht in aller Tiefe begreifen, wie sich diese anfühlt und wie man sich davon befreien kann. Die Erfahrung allein führt zwar nicht automatisch dazu, die entsprechende Sache zu begreifen, aber die Erfahrung ist eine wichtige Basis.

 

Die Psyche kann man erst verstehen, wenn man emotionale bzw. nervliche Kontraste wahrnimmt, also wenn sich zum Beispiel eine angstbedingte Beklemmung spürbar verändert in ein Gefühl der Freiheit, man aber gleichzeitig begreift, wie diese Änderung eingetreten ist, denn eine solche Änderung erfolgt nicht aus Zufall, sondern weil der betroffene Mensch konkret bestimmte Sichtweisen und Einstellungen verändert, auch wenn es ihm nicht bewusst ist. Einen solchen Vorgang zu begreifen ist dasselbe, wie wenn man sagt, er wird bewusst. Und solche geistig-emotionalen Prozesse kann man nicht immer allein in der Theorie begreifen, auch nicht durch Praktika in therapeutischen Einrichtungen erleben und auch nicht allein bei der für Therapeuten vorgeschriebenen »Selbsterfahrung« konstruieren. Diese Kontraste entstehen vor allem in realen Lebenssituationen.

 

Manche würden hier vielleicht meinen, man müsse zum Beispiel nicht selbst herzkrank sein, um ein guter Herzchirurg zu sein. Hier besteht jedoch ein Unterschied: Den Körper kann man von außen sehen, angreifen, manuell beeinflussen und messen. Die Psyche jedoch kann man nur durch sich selbst wahrnehmen, begreifen und ändern, also von innen her. So kann man zwar die Psyche anderer Menschen durch Beobachtung von außen »durchschauen«, was aber letztlich eine Erkenntnis »durch sich selbst« ist, durch das eigene »Mitgefühl«. Daher meinte etwa Sokrates: »Mensch erkenne dich selbst, dann weißt du alles.« Die Selbsterkenntnis ist auch die allgemeine Menschen-Erkenntnis.

 

Auch Pioniere der Psychologie und Psychotherapie, von denen einige hier abgebildet sind, lernten aus eigenen Lebenskrisen, durch die sie zu psychischen Erkenntnissen kamen, die später von der Forschung nicht neu entdeckt, sondern nur noch bestätigt wurden.

 

Ein guter Psychotherapeut muss sicher nicht in das tiefste psychische Leiden hineingeraten, um dieses Leiden und dessen Lösung zu verstehen, aber für gute angehende Therapeuten ist es wohl wichtig, dass sie bestimmte Krisen zu einem gewissen Ausmaß selbst durchmachen, um zu den entscheidenden Erkenntnissen zu kommen. Das kann nicht allein durch die Ausbildungen erfolgen. Würde ich heute noch einen Therapeuten brauchen, dann müsste es ein Leidens- und sehr Lebens-erfahrener Mensch sein.

»Viele Leute, die jahrelang als Psychologen gearbeitet haben, meinen, dass ihre akademische Ausbildung ausreichend sei. Und wenn sie einen Workshop über Leben, Tod und Übergang mitmachen, sind sie eingeschüchtert und betroffen darüber, wieviel Negativität bei ihnen selbst hochkommt.«

Elisabeth Kübler-Ross, schweiz. Psychiaterin und Sterbebegleiterin, 1926 – 2004[4]

Viktor Frankl, Psychotherapie bringt nichts, warum?

Viktor Frankl, 1905 – 1997, Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse, auch als »Dritte Wiener Schule der Psychotherapie« bezeichnet. Bildnachweis: Prof. Dr. Franz Vesely, Viktor Frankl2CC BY-SA 3.0 DE.

»Erst der Mut zu sich selbst wird den Menschen seine Angst überwinden lassen.«

 

3. Fehlende Bereitschaft, Erkenntnis und Anwendung beim Klienten

Heilen kann nur der eigene Körper, die Seele und der Geist. Andere Menschen oder Dinge können dazu helfen.

Dr. Eberhard Rau, deutscher Mediziner, geb. 1945

Andererseits muss auch klar gesagt werden, dass manche Hilfesuchende tatsächlich kaum bereit sind, sogar die allerbeste Hilfe anzunehmen. Dies kann verschiedene Gründe haben, die meistens unbewusst sind. So können sich Betroffene oft in keiner Weise auf andere Sichtweisen und Überzeugungen einlassen. Sie sind manchmal so sehr an ihre Muster gewöhnt, dass es ihnen extrem schwerfällt oder unmöglich ist, diese zu durchbrechen. Unbewusst erwarten sie dann beispielsweise nur, von ihren Therapeuten Zustimmung zu bekommen, weshalb sie dann auch den Sinn von Impulsen nicht wahrnehmen, die auf eine Änderung bestehender Muster abzielen, und diese Impulse vorzeitig ablehnen. Gute Anbieter kennen diese Problematik, sind aber mit Beschuldigungen vorsichtig und sie machen diesen Klienten auf diplomatische Weise klar, dass Sitzungen momentan keinen Sinn machen.

 

Meistens ist zwar bei den Betroffenen der Wunsch im Vordergrund, dass sich ein Leidenszustand bessert, aber als Psychotherapie-Anfänger weiß man in der Regel noch nicht, wodurch sich ein Leidenszustand tatsächlich ändert und was »Lernbereitschaft« hier wirklich bedeutet.

 

Beispielsweise ist der Glaube verbreitet, bei psychischen Behandlungen würde unbewusst irgendwie eine Wirkung entstehen und auf einmal sei man gesund. Der Prozess der Therapie und Heilung erfolgt jedoch in den meisten Fällen jedoch im Lebensalltag und schrittweise. Man kann die Psyche nicht völlig unabhängig vom äußeren Leben, in einzelnen Sitzungen und im stillen Kämmerlein »flicken«.

 

Die erwünschte therapeutische bzw. heilende Wirkung kommt nicht in den Sitzungen irgendwie von außen in den Klienten hinein, sondern erwächst im Alltag aus dem Inneren des Klienten selbst, indem er äußerlich mit den Dingen und anderen Menschen besser zurechtkommt, und innerlich insgesamt mehr Ruhe und Zufriedenheit erreicht – indem er leichter leben und das Leben besser »annehmen« kann.

 

Eine Fremdhilfe kann einem leidenden Menschen keine passende Arbeit und kein besseres Auskommen mit anderen Menschen herzaubern, und auch keinen geschickteren Umgang mit seiner Zeit und Energie und auch nicht die Fähigkeit, rein innerlich mit den Gefühlen und Emotionen besser umzugehen, sondern ihm nur helfen, diese Dinge zu verwirklichen.

 

Bei der psychischen Heilung ist also die Verantwortung der betroffenen Menschen weitaus höher als bei körperlichen Problemen, daher kann es bei psychischen »Behandlun­gen« viel weniger als bei körperlichen Behandlungen die Garantie dafür geben, dass eine erwünschte Wirkung eintritt und noch dazu nachhaltig aufrecht bleibt.

 

Man muss bereit sein für andere Sichtweisen, Gemütshaltungen und Verhaltensgewohnheiten. Hier geht es nicht nur um Theorie im Kopf oder um rein technische Veränderungen im Verhalten und in den Lebenssituationen, sondern darum, unmittelbar im eigenen Inneren zu erkennen, warum bestimmte Muster im Denken, Fühlen und Verhalten rein innerlich belastend sind und auf welche Art sie sich auf das Äußere auswirken.

 

Jeder Mensch bzw. sein Lebensalltag ist selbst die Quelle der Heilung, insbesondere:

  • gute zwischenmenschliche Beziehungen

  • die Fähigkeit, mit anderen Menschen gut auszukommen und sich von unpassenden Menschen abzugrenzen

  • eine sinnvolle Erwerbstätigkeit und finanzielle Stabilität

  • sonstige sinnvolle Tätigkeiten

  • geistige Klarheit über den Menschen und das Leben

  • das »einfache Sein«, innere Ruhe.

 

Ein heilsames Leben zu verwirklichen, darüber hat langfristig jeder Mensch selbst die größte Verantwortung, das kann einem kein Therapeut abnehmen, sondern nur aufzeigen. Das ist ähnlich wie bei vielen anderen Dingen des Lebens: Ein Musikinstrument zu beherrschen, das kann man sich von niemandem herbeizaubern lassen. Man kann es sich nur zeigen lassen, aber den größten Teil hat man durch das Üben selbst zu leisten.

»Ich bringe denen die zu mir kommen nahe, dass ich ihnen ein Handwerkszeug entwickeln helfen kann, mit dem sie ihr Leben zu ihrer eigenen Genugtuung und Erfüllung gestalten können … Es hat noch nie ein Arzt irgendjemanden von irgendetwas geheilt. Er hat nur die unbändige Neigung, das Potenzial zur Gesundheit unterstützt. Wer glaubt er könnte jemanden heilen ist größenwahnsinnig. Wir stehen dem (Potenzial, Anm.) entweder im Weg oder wir unterstützen es.«

Wolf Büntig, dt. Arzt und Psychotherapeut, geb. 1937[5]

Carl Gustav Jung, Psychotherapie bringt mir nichts oder macht alles schlimmer.

Carl Gustav Jung, 1875 – 1961, Schweiz. Psychiater u. Begründer der analytischen Psychologie. Gilt auch als Mitbegründer der Transpersonalen Psychologie.

»Wo die Liebe herrscht, da gibt es keinen Machtwillen.«

 

4. Buchempfehlung

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