Gibt es die Hölle im Jenseits wirklich?

Die aller schrecklichsten Dinge, von denen ich je in meinem Leben erfahren habe, stammen nicht von Fantasiebüchern und Horrorfilmen, sondern von Nahtoderfahrungen mit höllischem Inhalt.

Jeffrey Long, am. Mediziner und führender Nahtod-Forscher[1]

Malerei: »Höllensturz der Verdammten« von Peter Paul Rubens.

BildrechtePeter Paul Rubens artist QS:P170,Q5599, Peter Paul Rubens 063, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons.

Dieser Artikel will niemanden davon überzeugen, dass es die Hölle wirklich gibt oder nicht. Er soll eigenständiges Denken über dieses umstrittene und schwierige Thema fördern.

Sie werden hier insbesondere Gedanken darüber erhalten:

  • warum die Bibel oft falsch verstanden wird und welche besseren Möglichkeiten es gibt, um die Jenseitswelt zu begreifen

  • warum in vielen Glaubensgemeinschaften übertrieben aggressive Vorstellungen von Gott und dessen Bestrafungsverhalten bestehen

  • warum die Zugehörigkeit zu einer Konfession keine Bedingung ist, um in den Himmel bzw. nicht in die Hölle zu kommen

  • warum die Hölle nicht »ewig« ist und es sich dabei nicht um eine Strafe Gottes handelt, es aber oft so verstanden wird

  • was »Sünde« wirklich bedeutet und warum Sie selbst in der Lage sein sollten, einen möglichen (eigenen) Zustand der »Sünde« zu erkennen.

 

Zu den kritischen Aussagen über Konfessionen sei noch bemerkt, dass hier keine generelle Feindschaft gegenüber Konfessionen besteht. Niemandem soll die Begeisterung für seine Religion oder die Bibel genommen werden. Es geht hier lediglich darum, festgefahrene religiöse Vorstellungen zu hinterfragen.

Wahrlich, keiner ist weise, der nicht das Dunkel kennt.

Hermann Hesse

Inhaltsübersicht

 

3 Gründe, warum die Bibel überschätzt und oft falsch verstanden wird

Es sind vor allem 3 Gründe, warum die Bibel und andere spirituelle Schriften oft so falsch verstanden werden:

  1. Unpassende Vorstellungen zu den Texten über Gott, Jenseits und seelische Themen.

  2. Manche Texte der Bibel sind von Grund auf falsch bzw. nicht echt prophetisch, weil es sich nur um persönliche Meinungen handelt.

  3. Manche Texte sind zwar nicht generell falsch, aber bereits im Original missverständlich ausgedrückt oder fehlerhaft übersetzt. Letzteres wiederum entweder aus Absicht oder aus Irrtum.

 

Zu Punkt 1: Unpassende Vorstellungen

In christlichen Religionen gibt es eigentlich ein sehr sinnvolles Gebot, und zwar das Gebot, sich »keine Bildnisse« zu machen, insbesondere nicht von Gott und vom Jenseits. Es ist auch die Rede vom »Bilderverbot«. Egal, ob man es als Gebot oder als Verbot versteht, wird es jedenfalls oft so verstanden, als beträfe es nur gemalte Bilder. Entscheidender ist jedoch die Fülle an Vorstellungen (inneren Bildern und »Filmen«), die der Mensch in seinem Kopf erzeugen kann. Wenn man sich das Jenseitige zu sehr durch die Art und Weise vorstellt, wie man die irdische Welt wahrnimmt, dann entstehen irreführende »Bildnisse« bzw. Vorstellungen. Im Hinduismus zum Beispiel wird das Irdische auch als »Zeit und Raum« und diese wiederum als »große Täuscher« bezeichnet.

 

Es geht also nicht darum, sich überhaupt keine Bilder bzw. Vorstellungen zu spirituellen Texten zu machen. Das kann der Mensch nicht und es macht auch keinen Sinn, denn das Verstehen einer Sache ergibt sich erst durch passende Vorstellungen und entsprechende Empfindungen. Das ist auch bei irdischen Dingen so. Wenn man beispielsweise mit jemandem redet und dieser Jemand ein unbekanntes Wort erwähnt, dann kann man schnell den Faden verlieren, weil man eben dieses Wort nicht kennt oder man kennt zwar das Wort selbst, aber die Sache dahinter nicht. Man hat dann keine (passenden) Vorstellungen darüber. Dann fragt man nach, was dieses Wort bedeutet, man braucht Umschreibungen oder man muss die Realität hinter diesem Wort selbst erfahren, also sehen und/oder spüren. Genau genommen müsste dieses Bilderverbot also heißen, man solle sich »keine allzu irdischen Vorstellungen« über das Jenseitige machen.

 

Zu Punkt 2 und 3: Falsche bzw. fehlerhafte Texte

Für viele religiöse Menschen steht die Bibel als Wissensquelle über Gott und Jenseits an erster Stelle, aber sie fragen sich kaum, ob diese Texte wirklich alle echt sind. Wenn ein Text wirklich prophetisch ist, dann stammt er zwar vom geistigen bzw. gedanklichen Hintergrund her aus dem Göttlichen, aber auch ein echter Prophet ist für jeden »normalen« Menschen vorerst einmal auch nur ein irdischer Mensch. Woher will ich als »normaler« Mensch wirklich wissen, ob es sich bei den Aussagen und Texten eines anderen Menschen tatsächlich um echte göttliche Eingebungen bzw. Übermittlungen handelt? Nur weil es dieser Mensch behauptet? Oder weil es andere über ihn behaupten? Viele Bibelstellen sind nicht prophetisch, sondern nur persönliche Meinungen, und damit haben sie in der Bibel eigentlich nichts verloren.

Einerseits halten sich die meisten Konfessionen und Gläubigen an vieles nicht, was in der Bibel steht, zum Beispiel nicht an viele aggressive Verhaltensweisen des Alten Testaments, aber auch nicht an weniger harmlose Gebote, wonach zum Beispiel Geistliche kein Schweinefleisch essen dürfen. Bei gewissen anderen Bibelstellen hingegen besteht man vehement darauf, sie seien »eindeutig« die Wahrheit, zum Beispiel dass Gott ungläubige Menschen in die Hölle wirft und diese Hölle noch dazu ewig sei. Wie das mit einem liebenden Gott vereinbar sein soll, können sie nicht erklären. Und dass die Bibel auch viele andere Stellen enthält, wonach zum Beispiel jede Seele wieder in ihre ursprüngliche Heimat zurückkehren kann, wird bewusst ignoriert oder aus Unwissenheit übersehen. Oder es kommen dazu irgendwelche Floskeln, zum Beispiel, dass man diese Bibelstellen »besser auseinanderhalten« müsste.

Je mehr man die Bibel wortwörtlich nimmt, umso mehr Widersprüche tun sich auf. Das wollen gerade die besonders bibeltreuen Menschen nicht einsehen. Denn einzeln und innerhalb ihrer Gemeinschaften sind sie zwar oft recht überzeugt von ihren Lieblings-Bibelstellen und Auslegungen, aber zwischen den Gemeinschaften gibt es oft besonders viel Streit über Auslegungen. Dies zeigt sich auch sehr in muslimischen Bereichen, wo ja die »Bibeltreue« auch stark verbreitet ist.

Die Bibel zeugt an sehr vielen Stellen von einem für uns Menschen unvorstellbar liebevollen, barmherzigen Gott. Aber viele Geistliche und Gläubige stürzen sich wohl deshalb so sehr auf die aggressiven Bibelaussagen, weil sie selbst eine aggressive Persönlichkeit haben. Sie können die Bibel nur durch den Filter ihrer eingeschränkten Wahrnehmung sehen. Vor allem haben sie entscheidende Aspekte der menschlichen Unbewusstheit und somit auch den hohen Stellenwert der Vergebung nicht begriffen, weshalb sie auch eine falsch verstandene Mentalität der Bestrafung hegen. Ihre Vorstellungen von Gott ergeben ein »erhöhtes« Spiegelbild ihrer eigenen Persönlichkeit: Dieser Gott bzw. die Vorstellung darüber ist im Grunde diese Persönlichkeit, nur eben allmächtig. Damit ist die Hoffnung verbunden, dieser Allmächtige würde die Ungläubigen für immer und ewig bestrafen, quälen oder vernichten, weil man diese als hauptverantwortlich sieht für das Unheil in der Welt. Von daher kommt wohl auch dieses typische Mobbing in evangelikalen und anderen fundamentalen Religionen gegenüber Aussteigern, oder der Hang vieler religiöser Menschen für die Todesstrafe.

 

Stellen Sie sich eine normal liebende Mutter vor, wie sie mit ihrem Kind umgehen würde, auch wenn dieses Kind auf eine sehr schiefe Bahn im Leben geraten würde. Eine wirklich liebende Mutter mag von ihrem Kind enttäuscht sein, sie mag kurzfristig wütend sein und wenn ihr Sohn ein Mörder ist, dann würde sie auch schon allein zum Schutz vor möglichen weiteren Opfern wollen, dass ihr Sohn verwahrt ist, aber würde sie wollen, dass er leidet oder in einer ewigen Hölle schmort? Nein, sie weiß, dass er selbst (psychisch) beschädigt ist und eine bloße Strafe nichts bringen würde, schon gar nicht eine aggressive Art der Ausgrenzung oder gar eine Folter. Sie wünscht sich, dass dieser Sohn seine eigenen Probleme einsieht und zur Vernunft kommt, weil das für alle das Beste ist, auch für ihn selbst. Eine normal liebende, menschliche Mutter ist weiser als der Fantasie-Gott vieler evangelikaler und bibeltreuer Menschen. Einer der zentralsten Aspekte der Jesus-Lehre ist die Vergebung, weil sie sowohl Opfer als auch Täter befreit. Andererseits soll Gott nicht vergeben können? Dieser Gott bzw. diese fehlerhafte Vorstellung von Gott ist eine äußerst problematische, »unerlöste« Persönlichkeit, die selbst keine Ahnung von Vergebung hat.

 

Viele Theologen würden die Bibel heute jedenfalls anders zusammenstellen, wie sie momentan noch verbreitet ist, weil sie manches davon nicht als wahrhaftig prophetisch beurteilen, während inzwischen andere Schriften auftauchten, die sie eher als prophetisch bewerten. Von den Büchern Mose beispielsweise, die besonders viel aggressive Mentalität enthalten, sind viele Experten schon lange der Ansicht, dass ein Großteil dieser Texte gar nicht von Mose stammt, aber das interessiert offenbar viele bibeltreue Höllenprediger nicht. Sie klammern sich stur an ihre Floskeln.

 

Die Bibel enthält viel Wahres, aber auch Falsches, Widersprüchliches und Irreführendes. Sie wurde von Menschen zusammengestellt, die nicht immer beurteilen konnten, welche Texte wirklich prophetisch sind und welche nicht. Und auch hier sei noch einmal betont: Auch wenn ein Text wahrhaftig biblisch ist, dann ist er deshalb nicht immer so »eindeutig« zu verstehen, wie es viele Bibel-Eiferer meinen. Es ist Vorsicht geboten vor einseitigen und starrsinnigen Auslegungen.

 
 

Caduta dei dannati (Sturz der Verdammten) von Dirk Bouts.

 

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SailkoDirk bouts, caduta dei dannati (inferno), 1450 ca. 02CC BY 3.0

Greifbare Vorstellungen über Himmel und Hölle durch Transzendenz

 

Realistische Vorstellungen über Himmel und Hölle kann uns am ehesten die Natur selbst vermitteln, und zwar durch transzendente und mystische Erfahrungen, zu denen auch Tausende von Nahtoderfahrungen gehören. Auch wahrhaftige Prophetie beruht auf der Natur dessen, was wir als Transzendenz und Mystik bezeichnen. Ganz allgemein gesehen handelt es sich dabei um die permanent existierende Möglichkeit für irdische Menschen, bewusst etwas aus unserer ständig präsenten, »jenseitigen« Ur-Realität wahrzunehmen, seien es konkrete verbale Eingebungen, Bilder bzw. Visionen oder Seelenwesen wie Christus.

 

Mit der Hilfe transzendenter Erfahrungen können die Aussagen spiritueller Schriften – wie etwa der Bibel – besser verständlich werden. Und man kommt dadurch auch eher in die Lage, überhaupt erkennen zu können, ob eine biblische Schrift wirklich prophetisch ist oder nicht.

 

Von transzendenten Erfahrungen sind auch religiös Gläubige betroffen, die zuvor meinten, sie seien echte Christen und würden sicher in den Himmel kommen. Umgekehrt haben auch Atheisten lichtvolle Nahtoderfahrungen, und das sind Indizien dafür, dass die Religionszugehörigkeit an sich keine Rolle dabei spielen dürfte, was ein Mensch beim Sterben und danach erlebt. Wenn religiöse Menschen eine schöne oder höllische Jenseitserfahrung machen, dann verändern sich ihre Ansichten darüber, was einen gottgläubigen Menschen oder einen Christen ausmacht, oft erheblich.

 

Auch Geistliche und Theologen machen Nahtoderfahrungen, und sie sind danach meistens erstaunt darüber, dass das »Geistige« doch etwas anders ist, als sie es von ihrer Theologie her meinten. Vor allem wissen sie danach, dass es keine einzig wahre Kirche gibt und warum es diese gar nicht geben kann. Auch Begriffe wie »Geist«, »Geistige Welt« oder »Bewusstsein« sind irreführend, weil es sich dabei keineswegs um etwas Gedankliches im theoretischen Sinne handelt, sondern vielmehr um eine andere Form von Physik, die man im reinen Seelenzustand noch dazu weitaus lebendiger wahrnimmt, als das Leben im irdischen Zustand.

 

Religiöse Menschen haben gegenüber Nahtod- und anderen transzendenten Erfahrungen insgesamt eher eine Offenheit. Bei besonders bibeltreuen Menschen zeigt sich dazu oft eher Ablehnung oder eine eingeschränkte und selektive Offenheit, also nur eine Offenheit gegenüber bestimmten transzendenten Erfahrungen, die in das momentane, persönliche oder kirchliche Verständnis passen. Und dabei handelt es sich wiederum oft um höllische Erfahrungen, während die schöneren, lichtvollen Erfahrungen gerne als Täuschungen des Teufels gesehen werden. Auch hier zeigt sich wieder dieser Hang vieler Bibel-Eiferer, sich die Dinge willkürlich so hinzubiegen, wie sie diese momentan verstehen bzw. verstehen wollen.

 

Den Menschen mit mystischen Erfahrungen ist es zwar nur schwer möglich, ihre Eindrücke zu erklären, denn diese sind »unsagbar«, aber durch ihre Schilderungen können jenseitige Realitäten besser verständlich werden als nur durch Schriften. An der Schwierigkeit, Jenseitserfahrungen irdisch-wörtlich zu erklären, zeigt sich auf umgekehrte Weise, warum das Bilderverbot so sinnvoll ist und warum der irdische Mensch sich so schwer tut, das Jenseitige zu verstehen, solange er selbst noch keine Jenseitserfahrung gemacht hat.

 

Nur weil jemand sagt, er habe eine Nahtod- oder sonstige Transzendenzerfahrung gemacht, so ist das zwar kein Beweis für das Jenseits, schon gar nicht im streng akademischen Sinne. Aber eine umfassende und systematische Analyse transzendenter Erfahrungen, wie sie heute immer öfter auch von Akademikern gemacht wird, kann belastbare Evidenzen hervorbringen. Jene Wissenschaftler, die über Nahtoderfahrungen voreilig meinen, es handle sich dabei nur um Hirngespinste, beschäftigen sich nicht einmal ordentlich damit und hatten auch selbst keine solchen Erfahrungen. Somit können sie gar nicht in der Lage sein, überhaupt ernsthafte Aussagen zu diesem Thema zu treffen.

 

Durch eine umfassendere Beschäftigung mit transzendenten Erfahrungen sollte sich auch zeigen, dass diese Erfahrungen zwar immer persönliche Unterschiede aufweisen, aber auch immer in dieselben strukturellen Elemente eingebettet sind. Je mehr man diese kennt, umso eher kann man die Glaubwürdigkeit persönlicher Erfahrungsberichte einschätzen.

 

Viele streng materialistische Forscher sind sich immerhin darin einig, dass der Beweis für die körperlose (»jenseitige«) Existenz vor allem dann erbracht ist, sobald ein Mensch von örtlichen Ereignissen berichtet, die er nicht über seine körperlichen Sinne hätte wahrnehmen können, also beispielsweise weil er bewusstlos war oder weil sich diese Dinge räumlich-physikalisch nicht in seinem Wahrnehmungsbereich befanden, oder beides. Je detail- und umfangreicher solche Berichte sind, und auch von anderen Beteiligten oder auch durch Beweismaterial wie Videoaufnahmen bestätigt werden, umso eher wird eine Zufallswahrscheinlichkeit überschritten, womit sich eine Wahrnehmungsvalidierung ergibt. Es ist dann legitim daraus zu schließen, dass das Bewusstsein des betreffenden Menschen unabhängig von seinem Körper aktiv war und er eine reale »Jenseitswelt« erfahren hat, also eine Existenzform, die vom sogenannten Irdischen unabhängig ist und in die man mit dem körperlichen Tod »transzendiert« oder »übergeht«. Daher verwendete etwa die bekannte Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross anstatt »Tod« gerne den Begriff »Übergang«.

 

Viele von den lokalen Ereignissen, über die die Betreffenden nach ihren Nahtoderfahrungen immer wieder Berichten, hätten sie nicht einmal wahrnehmen können, wenn sie wach gewesen wären. Derartige Fälle passieren zwar ständig, aber sie wurden und werden zu wenig in kontrollierten Studien untersucht. Es gibt noch ein großes Forschungspotenzial.

 

Mit diesen Phänomenen zeigt sich auch, dass die Wahrnehmung außerhalb des Körpers sogar viel lebendiger ist, als wenn sie ans menschliche Gehirn gebunden ist. Menschen mit Jenseitserfahrungen sagen es immer wieder, dass das menschliche Gehirn sogar die Aufgabe hat, die Wahrnehmung einzuschränken. Durch diese Beschränkung können wir nur einen kleinen Teil der ständig vorhandenen Existenz wahrnehmen.

 

Zu der Frage, wie viele von den Nahtoderfahrungen höllisch sind, gibt es bisher nur unzuverlässige Daten. Die meisten Forscher sprechen von etwa 10 %, andere aber auch von bis zu 20 % oder mehr. In einer ORF-Dokumentation war sogar einmal die Rede von einem Drittel. Manche Forscher meinen auch, man müsse bezüglich höllischer Jenseitserfahrungen mit einer höheren Dunkelziffer rechnen, weil Betroffene über höllische Erfahrungen weniger gerne sprechen als über lichtvolle Erfahrungen. So heißt es etwa, Betroffene würden nicht riskieren wollen, dass ihre Höllenerfahrung mit ihrem Charakter in Verbindung gebracht wird und sie in der Folge als schlechte Menschen stigmatisiert werden. Andererseits sind höllische Erfahrungen oft so schrecklich, dass die Betroffenen ein großes Bedürfnis haben oder sogar die Verpflichtung verspüren, andere Menschen vor dem Höllischen zu warnen.

 

Bei aller Aussagekraft von Jenseitserfahrungen ist letztlich Vorsicht geboten vor pauschalen und voreiligen Schlussfolgerungen aufgrund persönlicher Erfahrungsberichte. So sagen etwa die einen, es gäbe im Jenseits nur Licht und Liebe, wenn sie in ihren Nahtoderfahrungen mit diesem Licht in Berührung kamen, welches sie dann oft als Gott bezeichnen. Spiegelbildlich drehen sich die Berichte von Menschen mit Höllenerfahrungen stark um dieses Höllische, auch wenn – was meistens der Fall ist – diese Erfahrungen auch lichtvolle Elemente enthielten. So neigt eben der Mensch sehr dazu, die Welt und ihre Dinge durch die Brille seiner persönlichen Erfahrungen zu sehen. Daher ist es sinnvoll, sich systematischer mit einer größeren Zahl solcher Erfahrungen zu beschäftigen, damit die Vorstellungen darüber nicht zu einseitig bleiben, sondern objektiver werden.

 

Es wurden auch bereits Fälle bekannt, wonach Menschen ihre Jenseitserfahrungen erfunden hatten, nur um auf sich aufmerksam zu machen oder die persönliche spirituelle Weltanschauung zu bekräftigen. Und auch wenn jemand eine echte, tiefgehende Jenseitserfahrung macht, so bedeutet das nicht automatisch, dass derjenige diese Erfahrung vollständig begriffen hat und sie später völlig korrekt erklärt. In den Zitaten weiter unten beispielsweise befindet sich eines von einem Betroffenen, der immer wieder betont, er habe diese Dinge »selbst im Jenseits gesehen«. Ja, das mag zutreffen, aber das heißt nicht, dass seine heutigen Gedanken und Erklärungen darüber völlig zutreffend oder alleingültig sind, schon gar nicht, wenn seine Erfahrung schon viele Jahre zurückliegt.

Was im Neuen Testament uns durch Schleier und Nebel sichtbar wird, tritt in den Werken der Mystiker ohne Hülle, in voller Klarheit und Deutlichkeit uns entgegen. Endlich auch könnte man das Neue Testament als die erste, die Mystiker als die zweite Weihe betrachten.

Arthur Schopenhauer, dt. Philosoph u. Hochschullehrer, 1788 – 1860

 

Was reale Erfahrungen der Hölle gemeinsam haben

Gott wirft keinen in die Hölle, vielmehr der Geist sich selbst.

Emanuel von Swedenborg, schwed. Wissenschaftler und Mystiker, 1688 - 1772[2]

Einige Leute, die sich mit Nahtoderfahrungen beschäftigen, sind recht voreilig mit ihren Schlussfolgerungen über die Frage, warum Menschen in die Hölle gelangen. So heißt es etwa oft ganz pauschal, Selbstmörder würden in die Hölle kommen. Menschen haben aber nach Suizid auch schon über schöne, tröstende und lichtvolle Erfahrungen berichtet. Ja, es sind gewisse Muster erkennbar, aber wer die Wahrheit erkennen will, sollte vorsichtiger sein mit allzu einfachen Schlüssen.

 

Sogar zu jenem Zeitpunkt, als ich bereits davon überzeugt war, dass hinter den Nahtoderfahrungen eine reale jenseitige Dimension steckt, dachte ich mir, höllische Berichte seien einfach nur von Kirchen-Fundis ausgedacht. Aber dann wurde mir dieses Prinzip bewusst, dass es zwischen der jenseitigen und der diesseitigen Dimension Entsprechungen gibt. (»Wie auf Erden so im Himmel.«)

 

Auch hier auf der Erde gibt es viele Varianten des »Höllischen«. Es ist real für jeden Menschen, der sich in einer Art Leidenszustand befindet. Beispielsweise kann man eine echte, mittelschwere Depression bereits als eine Art Hölle bewerten. Auch bestimmte, schwere Persönlichkeitsstörungen sind für die Betroffenen eine Art Hölle und tatsächlich zeigen Jenseitserfahrungen, dass sich Menschen vor ihrer Höllenerfahrung oft in Zuständen wie Gehässigkeit, Rachsucht und Zerstörungswut befanden. Eine Steigerung solcher Zustände besteht darin, dass die Betroffenen nicht nur kein Mitgefühl, sondern abartige Empfindungen von Erfüllung und Freude haben (die verkehrte, suchthafte »Liebe«), indem sie andere Menschen quälen.

 

Es soll jedoch nicht voreilig der Schluss gezogen werden, jeder Mensch, der irgendwie unfriedlich ist, würde in die Hölle kommen. Es sind hier drei Formen zu unterscheiden. Erstens: Gesunde Formen von Ärger, Rebellion, Beschuldigung oder Bestrafung, die der Entwicklung des Lebens dienen. Zweitens: Zustände der Verbitterung aus einer Unbeholfenheit mit dem Leben heraus, bei der sich der betroffene Mensch zwar in einer Art Hartherzigkeit befinden mag, aber gewisse Hemmschwellen zum Zerstörerischen nicht überschreitet. Und drittens das »durch und durch Böse«: Eine tödlich-zerstörerische, dauerhafte und suchthafte Boshaftigkeit, bei dem das böse Handeln sogar zu abartigen Empfindungen der Erfüllung oder sexuellen Lust führen kann. In einem solchen Zustand scheint das Gemüt der Betroffenen für das Gute, Richtige und Schöne weitgehend verloren zu sein. Das Herz ist stark erhärtet bzw. »verstockt« und daher wenig oder kaum empfänglich für das Wahre und Gute.

 

Hält man sich vor Augen, dass der Begriff Sünde nur ein anderes Wort für Absonderung oder Trennung ist (von »sondre«), so ist der Begriff Todsünde bei Zuständen der »Sucht« durchaus zutreffend, weil ein Mensch in solchen Zuständen innerlich bzw. emotional tot ist, also unerfüllt von der Energie der Liebe. Daraus resultiert auch das lieblose, zerstörerische Verhalten nach außen hin. Wer wirklich verstehen will, was Sünde bedeutet, muss daher auch die innere, psychische Wurzel des Sündhaften begreifen, anstatt nur bestimmte, äußerlich sichtbare Verhaltensweisen als sündhaft zu beurteilen.

Nur weil es eine Hölle gibt, heißt das nicht, Gott würde Menschenseelen bewusst in die Hölle werfen. Aber warum soll es der Mensch selbst tun? Der Mensch will ja nicht leiden. Ja, der Mensch will vieles nicht, aber er tut dennoch viel Falsches, ohne zu bemerken, dass er sich damit sein Leben selbst schwermacht. Das ist eben das Problem mit der menschlichen Unbewusstheit. In der »Sünde« sondert man sich selbst (unbewusst) von der Liebe und Weisheit ab, oder von dem, was Religionen als »Heiligen Geist« bezeichnen. Dieser Geist der Liebe fließt durch den Menschen nur, wenn sein Herz offen ist, egal ob er einer Religion angehört oder bewusst an eine Christusvorstellung glaubt oder nicht. Wenn der Mensch sein Herz durch Zwanghaftigkeiten wie schwere Gier oder Rachsucht verschließt, dann ist ihm nicht klar, dass er sich damit selbst sein Leiden erschafft.

Wie ich es momentan verstehe, ist das Höllische zwar ein realer Bereich im Jenseits, aber ein Bereich außerhalb des Lichts bzw. der Liebe. Eine Seele fällt durch ihren eigenen Zustand der Lieblosigkeit aus der Ur-Liebe heraus bzw. ins Dunkle hinab, so wie etwa auch ein boshafter Mensch innerlich weit entfernt oder isoliert ist von einem Gefühl der »Heimat«, auch wenn er liebevolle Menschen um sich hat. Daher verstehe ich jenes, was viele etwa als »Verdammnis« bezeichnen, nicht als einen boshaft-brutalen Akt Gottes. Man kann es vielleicht auch vergleichen mit zwei Magneten, die sich abstoßen. Der Mensch bzw. seine Seele ist ein energetisches Wesen, welches sich durch seinen eigenen geistig-energetischen Zustand von der Liebe abtrennen kann.

 

Das innere, emotionale Leiden eines Menschen entsteht besonders durch einen Mangel an Liebe bzw. Erfüllung und innerer Sicherheit. Wer sich mit seiner inneren Leere und seinem Leiden nicht zu helfen weiß, neigt dazu, in die Anhaftung bzw. Sucht zu gehen. So mag sich zwar beispielsweise der Mensch, der süchtig ist nach Hass und Macht, durch seinen Hass mächtig fühlen, aber er bemerkt nicht, dass er sich in Wirklichkeit selbst damit schadet und es ihm durch ein friedvolles, zwangloses Gemüt besser gehen könnte. Denn dieses angenehme, erfüllende Gefühl des Friedens und der bedingungslosen Liebe fließt niemals aus Sucht und Zwang, sondern immer nur durch ein leichtes, wohlwollendes Herz. Daher heißt es etwa in einer bekannten Mythologie: In den Himmel kommt nur, dessen Herz leicht ist wie eine Feder. Laut Jesus müssen wir »werden wie die Kinder«, um ins Himmelreich zu kommen. Friedvolle Kinder sind sanftmütig, sie haben dieses leichte Herz, daher sind sie in der Glückseligkeit, die sie auch ausstrahlen. Sie kennen weder Hass noch Rachsucht.

 

Beängstigende Jenseitserfahrungen können ebenso unterschiedlich sein wie die schönen, lichtvollen Erfahrungen. Nicht alle negativen Erfahrungen sind in Art und Ausmaß gleich höllisch und viele von ihnen wandeln sich in lichtvolle Erfahrungen. So ist etwa oft davon die Rede, Betroffene seien von der Hand Christus oder vom Licht aus dem Höllischen herausgehoben oder herausgezogen worden. Viele Betroffene meinen im Nachhinein betrachtet, bei ihrer Höllenerfahrung handelte es sich um eine Art Läuterung.

 

Jenseitserfahrungen zeigen auch – wie es in manchen spirituellen Schriften erwähnt wird –, dass nicht nur die beiden Extreme »Himmel« und »Hölle« existieren, sondern viele unterschiedliche Schichten bzw. Bereiche dazwischen – auch oft als Vor-Höllen und Vor-Himmel bezeichnet. So heißt es etwa auch in Johannes 14:2: »In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen.« Es ist jedoch zu bezweifeln, dass die Hölle eine unmittelbare Wohnung des Vaters oder des Lichts ist. So schreibt zwar etwa der Mystiker Emanuel Swedenborg in seinem Werk »Himmel und Hölle«: »Der Herr regiert die Höllen.« Er erklärt dazu jedoch, dass der Herr die Höllen insofern regiert bzw. reguliert, dass er das Leben davor schützt, denn wäre dies nicht der Fall, so hätte das Böse eine überaus zerstörerische Macht im Jenseits und auch auf die irdische Welt. So gesehen kann man unter dem Begriff Sünde auch eine von Gott gewollte und vollzogene Absonderung oder »Vertreibung« der zerstörerischen Geister von ihm selbst verstehen, wobei dieser Vertreibung vielleicht nur so weit geht, wie sie nötig ist, um die lichtvollen Bereiche zu schützen.

 

Es heißt auch immer wieder, der freie Wille der Seelen sei unantastbar, und das hat wohl auch mit der »Liebe« zu tun. Der Mensch bzw. die Seele kann zur Liebe nicht gezwungen werden. Erzwungene Liebe ist keine Liebe. Die Liebe ist die Wahrheit, die uns frei macht. Aber sie macht nur dann frei, wenn man sich ihr völlig zwanglos und freiwillig öffnet.

Emanuel Swedenborg, eine seltene Mischung: Kapazität der damaligen Wissenschaft und Mystiker, 1688 - 1772.

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Sh. Quellenangaben am Ende des Artikels.

 
 

Das Ewige und Nicht-Ewige an der Hölle

 

Immer wieder heißt es, man würde aus der Hölle nicht mehr herauskommen. Eines der Zitate im nächsten Kapitel stammt von Howard Storm und auch er schreibt in seinem Buch: »Ich wusste, dass ich hier nie wieder herauskommen werde.« Tatsache ist jedoch, er ist wieder herausgekommen, genauso wie viele andere Menschen auch nach Höllenerfahrungen.

Ein solches Hin und Her kann schwer verständlich sein. Aber erstens: Sobald die Wahrnehmung vom irdischen Körper abgekoppelt ist, hat man keinerlei Zeitempfinden mehr. Das ist eines der häufigsten strukturellen Elemente von Nahtod- und anderen Formen von außerkörperlichen Erfahrungen. Außerdem kennt man es auch von Gefühlszuständen im Irdischen, besonders von psychischen Leidenszuständen, wie etwa von schweren Depressionen, dass sich solche Zustände anfühlen können, als würden sie sich niemals verändern, und dies liegt daran, dass momentan keine Hoffnung besteht, also keine Aussicht auf Besserung bzw. Änderung. Man sieht und fühlt momentan nicht, dass es besser werden könnte. Jemand meinte nach einer Höllenerfahrung, dass die bösartigen Geistwesen genau diese Hoffnungslosigkeit ihrer Opfer beabsichtigen. Sie wollen, dass die Seelen nichts mehr an Hoffnung und »Gutheit« spüren, denn dies führt auch dazu, gar nicht auf die Idee zu kommen, das Licht um Hilfe zu rufen.

Auch der später zitierte Herr Lungenschmid meinte nach seiner Jenseitserfahrung, es gäbe im Himmel nichts Absolutes, obwohl es sich so anfühlt. Er meinte damit etwa, eine Seele würde sich bereits »absolut« glücklich fühlen, obwohl sie sich nur in einem unteren Bereich des Himmels befindet. Wenn sie keine Bewusstheit darüber hat, dass es noch schönere Bereiche gibt, so meint diese Seele dann, sie hätte bereits die allerhöchste, absolute Glückseligkeit erreicht. Dies erklärt beispielsweise auch, warum sich viele Menschen auf der Erde, denen es im Wesentlichen gut geht, kaum vorstellen können, dass das Lebensempfinden im Himmel unsäglich schöner ist als im Irdischen. Der Mensch weiß eben nicht, was er alles noch nicht weiß.

Auch wenn sich also der Aufenthalt in einem höllischen Bereich absolut hoffnungslos anfühlt, heißt das wohl nicht, dass dieser Zustand immer so sein wird. Daher ist es so wichtig, niemals die Hoffnung aufzugeben und nie zu vergessen, dass man sich immer wieder für das Gute entscheiden kann und dafür, die guten Mächte um Hilfe zu rufen, allen voran Christus, der nicht umsonst immer wieder als Seelenretter und Erlöser bezeichnet wird. Der Theologe Origines (2./3. Jhdt. n. Chr.) beispielsweise meinte, auch der Teufel würde irgendwann wieder aus der Hölle herauskommen, wenn er seine Verirrung erkennt und sich der Erlösung öffnet.

 

Es existieren auch verschiedene Stellen in der Bibel, welche die Inhalte der Nahtoderfahrungen bestätigen, wonach Menschen grundsätzlich aus dunklen Bereichen gerettet werden können. Ein Beispiel dazu ist in Jeremia 29:13:

Wenn ihr mich sucht, werdet ihr mich finden. Ja, wenn ihr von ganzem Herzen nach mir fragt, will ich mich von euch finden lassen. Das verspreche ich, der Herr. Ich werde euer Schicksal zum Guten wenden: Aus allen Ländern und Orten, in die ich euch zerstreut habe, will ich euch wieder sammeln und in das Land zurückbringen, aus dem ich euch damals fortgejagt habe. Darauf könnt ihr euch verlassen!

 

Oder in Römer 10:12-13:

Da gibt es auch keinen Unterschied zwischen Juden und anderen Völkern: Sie alle haben ein und denselben Herrn, Jesus Christus, der aus seinem Reichtum alle beschenkt, die ihn darum bitten. Denn jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden.

 

Hesekiel 18, 23:

Meint ihr, ich hätte Freude daran, wenn ein Mensch wegen seiner Vergehen sterben muss?

Religiöse Menschen behaupten oft, die Rettung bzw. Erlösung könne nur während der Zeit des irdischen Lebens erfolgen, welches jede Seele nur einmal hat. Das sind sehr einseitige und unüberlegte Sichtweisen.

In vielen Nahtoderfahrungen kamen die Betroffenen wieder aus dem Höllischen heraus, weil sie nach Jesus oder Christus fragten, auch wenn sie gar nicht aus voller Überzeugung an ihn glaubten. Auch bei Howard Storm war es so. Er hörte sich selbst mehrmals sagen, er soll nach Christus beten, was ihm komisch vorkam, weil er ja nicht an Christus und Gott glaubte. Aber in dem Moment als er nach Christus betete, entfernten sich die bösen Geister von ihm und ließen ihn in Ruhe, und kurz darauf kam das rettende Licht bzw. Christus auf ihn zu.

 

Auch darüber wird immer wieder berichtet, dass die bösen Geister es kaum ausstehen können, wenn man in deren Nähe ein Gebet spricht, nach Gott fragt oder etwas »Gutes« denkt oder spürt. Howard Storm meint in seinem Buch, die bösen Geister hätten sein Bitten nach Gott so empfunden, als wären sie mit heißem Öl begossen worden, woraufhin sie sich zurückzogen. Zuerst meinten sie noch, sie würden ihn noch mehr quälen, wenn er nicht aufhöre, nach Christus zu beten, und sie sagten ihm, es gäbe keinen Christus und keinen Gott – eine typisch manipulative Lüge, um die Opfer in ihrer Fähigkeit der Selbststeuerung einzuschränken bzw. sie handlungsunfähig zu machen.

 

Jemand meinte beispielsweise nach mehreren außerkörperlichen Erfahrungen, die dunklen Geister hätten ihn einfach in Ruhe gelassen, als sie bemerkten, dass er einfach nicht gegen sie kämpft, sondern innerlich friedlich bleibt.

Zitate über Erfahrungen der Hölle

Die aller schrecklichsten Dinge, von denen ich je in meinem Leben erfahren habe, stammen nicht von Fantasiebüchern und Horrorfilmen, sondern von Nahtoderfahrungen mit höllischem Inhalt.

Jeffrey Long, am. Mediziner und führender Nahtod-Forscher[2]

Um einen Einblick davon zu bekommen, was Menschen in höllischen Jenseitserfahrungen wahrnehmen, hier ein paar Zitate. Manche dieser Zitate sind aus dem Englischen wortgetreu aber in einer besser verständlichen Form, also nicht wortwörtlich, übersetzt. Es empfiehlt sich jedoch, die Berichte der Betreffenden direkt anzusehen, weil durch die Körpersprache die entsprechenden Wahrnehmungen besser zum Ausdruck kommen.

 

»Dies war kein Traum und keine Halluzination, aber ich wünschte sehr, dass es genau das wäre … Ich war verängstigt, erschöpft, ich fror und fühlte mich verloren. Es war mir jetzt klar, dass die Hilfe, die sie (die Geistwesen, Anm.) mir Anfangs versprochen hatten, nur ein Trick gewesen war, um mich dazu zu bringen, ihnen zu folgen … Die Hoffnungslosigkeit meiner Situation überwältigte mich … Während ich um mich schlug und nach ihnen trat, bissen sie mich und schlugen zurück. Und währenddessen war es ganz offensichtlich, dass sie sich dabei köstlich amüsierten … Während des Kampfes wurde mir klar, dass sie es nicht eilig hatten, mich zu vernichten. Sie spielten mit mir, so wie eine Katze mit einer Maus spielt … Sie gingen dazu über, Stücke meines Fleisches aus meinem Körper herauszureißen. Zu meinem Entsetzen wurde mir klar, dass ich auf ganz methodische Art auseinandergenommen und lebendig aufgefressen wurde – aber so langsam, dass ihr Vergnügen dabei so lange wie irgend möglich dauern würde ... Das Lärmniveau war entsetzlich hoch. Zahllose Menschen (als Geistweisen, Anm.) lachten, schrien und johlten … Noch lange nach diesem Erlebnis spürte ich eine tiefe Traumatisierung, wann immer ich mich an die Einzelheiten erinnerte.«

Howard Storm[3]

 

Eine Anmerkung zu Howard Storms Erfahrung. Er beschreibt in seinem Buch, er musste während seiner medizinischen Notlage im Krankenhaus mehrere Stunden auf seine Operation warten. Irgendwann wurde sein Zustand jedoch so unerträglich, dass er das Leben in der Überzeugung losließ, mit dem körperlichen Tod sei alles vorbei. Er wollte zwar noch weiter leben, aber er sehnte sich auch nach der Erlösung von seinem Leidenszustand. Zu seinem Erstaunen ging das Leben jedoch weiter. Er beschreibt auch einen schockierenden Moment, indem er erkannte, dass er diesen boshaften Geistweisen charakterlich ähnlich war, denn er führte vor seiner Jenseitserfahrung ein suchthaftes, materialistisches und egoistisches Leben. Sein seelischer Zustand war während seines vorherigen Erdenlebens bereits sehr niedrig bzw. niedrigschwingend und dies bestätigt dieses Muster, dass die Situation, die Menschen nach dem körperlichen Tod vorfinden, eine Entsprechung hat mit ihrer Lebenswirklichkeit davor.

 

»Plötzlich war ich wieder in einer Dunkelheit … es ging eher runter, in einen dunklen, kalten Tunnel. Ich hatte Angst. Und plötzlich befand ich mich in einer felsigen Gegend … da hab ich im Tal unten eine kleine Lichtquelle gesehen … In Gedankenschnelle war ich dort und stand dann vor einer kleinen Hütte … Ich öffnete die Tür, ging hinein … In der Mitte war ein Querbalken und darauf saß eine Kreatur, ein Wesen. Und dieses Wesen hat mich ausgelacht. Ich war total schockiert, weil dieses Wesen war so unglaublich hässlich, so etwas habe ich noch nie zuvor gesehen. Und dieses Wesen hat mich einfach so ausgelacht, auf hämische Art und Weise. Ich war so schockiert. Ich war wie gelähmt. Dann spürte ich plötzlich, wie etwas Warmes, Nasses über mich hinunter lief. Ich bemerkte dann, dass dieses Wesen auf mich urinierte und auf mich kotete. Ich habe mich fürchterlich geekelt und ich war total geschockt. Auf einmal wurde ich wieder wie mit einem Gummiband zurück in diesen schwarzen Tunnel gezogen und kam dann wieder zu mir in meinen Körper im Bett. Ich saß kerzengerade im Bett, schweißgebadet und total verängstigt.«

Sabine Amrhein[4]

 

Eine Anmerkung dazu: Zahlreiche Menschen berichten immer wieder davon, die rasche Rückkehr in den Körper habe sich angefühlt, als seien sie von einem starken Gummiband gezogen worden. Manche sprechen hierbei auch von der »Silberschnur«.

 

»Es gibt Menschen, die erzählen über dieses Licht und über Gefühle der Wärme und Liebe. Ich fühlte überhaupt nichts davon, sondern unsäglichen Schrecken – unsäglichen Schrecken! Denn ich wusste, wenn ich dort jemals hinunterfalle, wenn ich wirklich hinuntergleite, dann würde ich niemals zurückkommen. Dies wusste ich in meinem Innersten mit voller Gewissheit … Meine Haut wurde kalt, aber nicht nur so, als würde man in die kalte Luft hinausgehen, sondern eis-, eiskalt bis tief in die Knochen. … Es war das aller Schrecklichste und Grauenhafteste, was ich je erfuhr.«

Dr. Donald Whitaker[5]

Eine Anmerkung zu dieser Erfahrung: Donald Whitaker lag damals, scheinbar sterbend, im Krankenhaus und das Pflegepersonal meinte zu ihm später, sie hätten gesehen, dass er sich in einem schweren Kampf befand. Sie sahen, dass er sich immer wieder mit voller Kraft mit seinen Händen an das Bett und die Matratze krallte.

 

»Ich stieg hinunter in einen Bereich, den wir Hölle nennen, und es war sehr überraschend. Ich sah keinen Satan. Mein Abstieg in die Hölle war ein Abstieg in die persönlichen Dramen einzelner Menschen, in Jammer, in Ignoranz und in die geistige Dunkelheit des Unwissens. Es schien wie eine elende Unendlichkeit. Aber jede dieser Millionen von Seelen um mich herum hatte einen kleinen Lichtstern neben sich als Begleiter, ohne diesen zu bemerken. Die Seelen waren so voll von ihrer eigenen Bitterkeit. Nachdem ich dies alles wie eine Ewigkeit empfand, schrie ich nach dem Licht, wie ein Kind nach den Eltern um Hilfe schreit. Das Licht öffnete sich und formte einen Tunnel, der auf mich zukam, mich umgab und vor all der Angst und dem Schmerz schützte.«

Mellen-Thomas Benedict[6]

 

»Meine Wahrnehmung erweiterte sich von diesen kleinen Lichtstreifen in eine Welt von schwefeligen Gasen. Hier befand sich eine ganz andere Welt, wesentlich anders von der irdischen Welt, die ich hinter mir hatte. Meine Empfindungen waren überwältigt von unerträglichem Geruch verbrennenden Fleisches und von unvorstellbarer Hitze und Kälte … Inmitten dieser Empfindungen sah ich flirrende Bilder der Qual – verzerrte Gesichter, sich krümmende Körper und grausige Körperteile, verfaulende Eingeweide, abgetrennte Daumen und Nasen, gefolterte Tiere – manche von ihnen zerstückelt, und sogar Ameisen und andere Insekten, deren extreme Qual ich unmittelbar fühlte. Alles das war ein unsäglicher Haufen von Qual … Inmitten dieses Chaos tauchte ein Lichtwesen auf … Es sagte mir: >Das ist die Hölle. Du wurdest hier als Gast hergebracht, um diese Qual zu bezeugen und zu verstehen – besonders die Qual der Menschen.«

Samuel Bercholz[7]

 

Die folgenden Aussagen sind wortgetreu widergegeben, aber nicht direkt zitiert, sondern stilistisch korrigiert. Zu Herrn Lungenschmid möchte ich auch sagen, dass ich viele seiner Aussagen für fragwürdig halte. Dennoch möchte ich hier etwas von ihm zitieren, weil es sinngemäß auch anderen Höllenerfahrungen entspricht.

»Es ist einfach derart grausig in der Hölle. Ich habe verschiedene Höllenfratzen sehen dürfen … wie man sich das nicht vorstellen kann. Man ist in ständiger Unruhe in der Hölle. Ich habe eine Gruppe sehen dürfen, die vom Teufel mit einer Peitsche in die Ecke geknallt wurde. Wenn sich dann einer von der Gruppe abgesondert hätte und schlafen wollte, weil er schon völlig fertig war, dann wurde er wieder aufgepeitscht … Man kann sich nicht vorstellen, was dort passiert … Wenn man in der Hölle ist dann besteht absolute Hoffnungslosigkeit.«

Helmuth Lungenschmid[8]

 
 

Tabuisierung in Spiritualität und Wissenschaft

 

Wir leben in einer Welt von Widersprüchen. Einer dieser Widersprüche besteht darin, dass nun einerseits immer mehr religiöse Menschen meinen, die Hölle sei nur eine Erfindung. Andererseits sind viele Geistliche und Gläubige verschiedener Konfessionen heutzutage empört über andere Geistliche oder etwa über junge Religionslehrer, die den Menschen sagen, es gäbe keine Hölle. Weiters haben wir heute immer mehr konfessionell neutrale Nahtodforscher, die es als erwiesen finden, dass Jenseits, Himmel und Hölle keine bloßen Erfindungen sind. Es scheint fast so, als würden Menschen teilweise durch Wissenschaft religiöser werden und andere durch Religion »ungläubiger«.

 

Andererseits ist ein Großteil der heutigen Wissenschaft blind auf das Dogma fixiert, es dürfe nur die Materie geben und keinesfalls ein körperloses Bewusstsein. Durch dieses engstirnige Dogma verstoßen sie gegen den wichtigsten Grundsatz wissenschaftlichen Denkens und Handelns: Sie ignorieren natürliche Phänomene, die man eigentlich wissenschaftlich untersuchen kann. Natürlich dürfen auch diese Menschen Fehler machen und ich verurteile sie nicht. Ich kann ihre Abneigung gegen Konfessionen gut verstehen. Aber als wissenschaftliche Denker sollten sie ihre eigene dogmatische Starrsinnigkeit erkennen, die sie an religiösen Menschen gerne kritisieren.

 

Was kann man daraus lernen? Der Mensch neigt dazu, nur das zu sehen, was er sehen will und er kann sehr rechthaberisch sein, wenn es um die Verteidigung seiner momentanen Vorstellungen geht. Das nennen wir auch Ignoranz und diese gilt nicht umsonst als »Todsünde« oder etwa im Buddhismus als »Geistesgift«, weil sie dazu führt, Dinge nicht zu verstehen, obwohl man sie eigentlich verstehen kann. Der Mensch hat die Fähigkeit, sich prüfend aufzuschließen und er muss dies tun, wenn er Dinge besser verstehen will. Wer sich nicht aufschließt, lernt auch nichts Neues und behindert sich damit selbst daran, sich zu entwickeln.

 

Eine Psychologin meinte einmal – womit sie eine weit verbreitete Ansicht unter Psychologen vertritt –, es sei kein Wunder, dass Menschen heutzutage immer noch höllische Halluzinationen hätten, weil das Thema Hölle schließlich von den Religionen her immer noch sehr präsent sei im Denken der Menschen, was sich dann eben in entsprechenden Träumen und Halluzinationen äußern kann. Auch zu Psychosen mit dämonischen Zügen wird oft behauptet, diese würden einzig im physischen Gehirn entstehen. Völlig unwissenschaftlich wird hier also voreilig behauptet, es handle sich nur um Halluzinationen. Dass dies der Fall sein soll ist jedoch aus mehreren Gründen unwahrscheinlich. Einer dieser Gründe besteht darin, dass echte Halluzinationen zwar auch strukturelle Gemeinsamkeiten haben, aber nicht jene, wie es bei Jenseitserfahrungen der Fall ist. Echte Halluzinationen spiegeln zum Beispiel vielmehr die persönlich manifestierte Gedankenwelt eines Menschen. Dies kann bei Jenseitserfahrungen nicht der Fall sein, schon gar nicht bei Höllenerfahrungen, denn die meisten Menschen in der westlichen Welt glauben schon lange nicht mehr ernsthaft an die Hölle, auch unbewusst nicht. Und auch jene, die tatsächlich Höllenerfahrungen machten, sagen es immer wieder, sie hätten niemals damit gerechnet, so etwas zu erleben und sie hätten davor schon längst nicht mehr an eine Hölle geglaubt. Hier kann daher keine Rede davon sein, höllische Vorstellungen hätten sich bereits in der Psyche der jeweiligen Menschen manifestiert.

Viele spirituelle und konfessionelle Akteure entwerfen gerne ein Bild von einem ausschließlich lichtvollen Jenseits, in dem man nach dem Tod den (verstorbenen) Verwandten bzw. deren Seelen wieder begegnen würde, während höllische Jenseitserfahrungen angeblich nur kurzfristige »Bewusstseinszustände« sein sollen. Dass sie dem Bösen damit einen Gefallen tun könnten, ahnen sie nicht. Howard Storm und viele andere meinen etwa, es sei eine große Errungenschaft des Bösen im Jenseits, wenn die Menschen im Irdischen meinen, es gäbe dieses Böse nicht.

Zahlreiche transzendente Erfahrungen geben Hinweise darauf, dass der Gefühls- und Geisteszustand beim Tod einen erheblichen Einfluss darauf hat, wie es für den betreffenden Menschen nach seinem Tod weitergeht. Die Ansicht, im Jenseits gäbe es sowieso nur Licht und Liebe, mag manche Menschen leichtsinnig machen und dazu verleiten, schlechte Persönlichkeitsmerkmale zu behalten, anstatt sich davon zu befreien. Außerdem hat die geistige Welt einen ständigen Einfluss auf das Irdische, vor allem auf das Denken und somit auf das Handeln der Menschen. Und je mehr sich ein Mensch in Zuständen der Verwirrung, der psychischen Instabilität und Lieblosigkeit bzw. Hartherzigkeit befindet, umso eher wird er anfällig für die schlechten Absichten und Einflüsse aus dem Jenseitigen, etwa nach dem Motto: Gleich und gleich gesellt sich gern. Die Geister mit den bösen Absichten versuchen, den Menschen schleichend und von innen her zu infiltrieren und handlungsunfähig zu machen.

 

Der Teufel wird auch als Diabolus bezeichnet, was auf das griechische Wort »dia-ballein« zurückgeht, welches bedeutet: Zerwerfen, Auseinanderwerfen. Man sagt etwa auch, jemand würde »Zerwürfnis stiften« oder Menschen »gegeneinander aufbringen«. Das Diabolische ist die Unwahrheit, das Falsche, die Lüge, die Täuschung, die Verführung, die Manipulation, das Hinterhältige, das Aggressive, die Sucht. Die diabolische Absicht will andere Lebewesen in sich und untereinander verwirren, durcheinanderbringen, »zerreißen«, spalten, Chaos stiften, unklar, unsicher und instabil machen, aufwühlen und in Stress versetzt, letztlich um sie unterlegen und machtlos zu machen. Böse Geister lieben es auch, ihre Opfer zu schockieren.

 

In spirituellen Kreisen ist auch – ähnlich wie in der Wissenschaft – die Ansicht verbreitet, es gäbe keinen freien Willen und alles sei vorherbestimmt, also auch schlechte Taten. Der deutsche Neurologe Joachim Bauer erwähnt dazu in einem seiner Bücher Studien, die darauf hindeuten, dass Menschen weniger moralisch denken und handeln, je mehr sie davon überzeugt sind, dass es keinen freien Willen gibt, sondern sowieso alles vorherbestimmt sei, also auch das schlechte Handeln der Menschen. Dieses sei demnach ja noch dazu von Gott bestimmt. Meiner Ansicht zeigen Transzendenzerfahrungen, dass zwar tatsächlich vieles vorherbestimmt ist, es aber dennoch einen freien Willen gibt und es sehr wohl darauf ankommt, dass der Mensch zumindest versucht, sein »Ego« fallenzulassen.

 

Ja, der Mensch stammt selbst aus dem Licht, daher heißt es etwa in den Psalmen: »Ihr seid Götter und allzumal Kinder des Höchsten.« Auch eine der Bezeichnungen für den Teufel lautet »Lichtbringer« von »Luzifer«. Aber wir sind teilweise auch weit von diesem Licht entfernt. Nur weil ich es theoretisch glaube, dass ich ein Lichtwesen oder ein Kind Gottes bin, werde ich davon nicht erleuchtet und nicht heilig. Es kann ein Weg der Entwicklung nötig sein, des Lernens, der »Transformation«, der Weisheit, der sich nicht allein durch den theoretischen Glauben an kirchliche Dogmen und Guru-Behauptungen verwirklicht. Die Muster des Bösen und des Egoismus können stark im Nervensystem verankert sein und es kann schwierig sein, sie wirklich nachhaltig loszulassen und durch bessere zu ersetzen.

 

Heute ist es auch sehr verbreitet, das Wassermann-Zeitalter zu prognostizieren. Ja, es wird kommen. Es ist ein neues Goldenes Zeitalter, eine Zeit des Friedens und der Vernunft. In Konfessionen ist etwa die Rede von der Apokalypse oder von der Endzeit. Es ist wohl keine Zeit, in der alles endet, sondern eine Zeit der Wende, der Umkehr, das Ende einer alten Zeit und somit der Beginn einer neuen Zeit. Aber viele Menschen rechnen offenbar kaum damit, dass es vor dieser Wende noch einmal richtig ungemütlich werden könnte auf dem Erdball.

Den eigenen Gemüts- und Verhaltenszustand erkennen

 

Über die Gemütszustände wurde nun schon einiges erwähnt, zum Beispiel dass die betreffenden Menschen unmittelbar vor ihrer außerkörperlichen Höllenerfahrung oft in Gemütszuständen schwerer Gehässigkeit und ähnlichen Formen starker Lieblosigkeit waren. In diesem Abschnitt folgen nun noch tiefere Erläuterungen über die menschlichen Gemütszustände.

 

Das Wesen des Menschen ist eigentlich leicht zu durchschauen, denn unsere Absichten und Handlungen beruhen auf dem ständigen Bedürfnis nach Sicherheit und Erfüllung. Anstatt von Erfüllung spricht man etwa auch von »Zufriedenheit« oder »innerem Frieden«. Somit wollen wir Mensch permanent die Gegenteile von Sicherheit und Erfüllung vermeiden: Ohnmacht, Leiden und Tod. Auf diesen Dingen beruht jede Angst des Menschen, weil es sich um lebensfeindliche oder nicht-lebenswerte Zustände handelt. Bevor der Mensch zu viel leidet, will er lieber nicht existieren.

 

Die Angst hat die Aufgabe, das Leben zu bewahren. Wenn man zum Beispiel sieht, dass ein anderer Mensch in irgendeiner Art falsch handelt oder böse ist, so triggert dies letztlich immer die Angst vor Ohnmacht, Schmerz oder Tod, denn die falschen und bösen Absichten und das entsprechende Verhalten kann reale Nachteile, Schmerzen oder eben Tod bewirken. Daher ist die Angst an sich nicht das »Gegenteil der Liebe«. Dieser Schluss liegt nahe, weil der Mensch in Angst und Ohnmacht dazu neigt, egoistisch und kämpferisch zu werden, um sich »wirksam« zu fühlen. Aber das direkte Gegenteil der Liebe ist nicht die Angst an sich, sondern der Egoismus und die Bösartigkeit bzw. Gehässigkeit.

 

In schwierigen Situationen, also beispielsweise durch Misserfolge, Gewalt, Zurückweisungen oder durch Unzufriedenheit mit Gesetzen und Politik, ist es völlig normal, mit Unzufriedenheit, Trauer bzw. Trauerschmerz oder Angst zu reagieren. Die große Gefahr besteht dann aber für den Menschen darin, dass er das unerwünschte Verhalten anderer Menschen als bewusst bösartig wahrnimmt. Je mehr dies der Fall ist, umso mehr aktiviert dies wiederum die Angst, aber auch die Tendenz zum Kampf, Egoismus und zur Gewalt. So kann aus Schmerz und Angst ein Teufelskreis aus Missgunst, Neid, Hass und Rachsucht entstehen. Diese Zustände sind gefährlich und trügerisch, weil sie Gefühle von Macht und Überlegenheit bewirken.

 

Ein verführerischer Faktor des irdischen Lebens besteht darin, dass die Verfügbarkeit und der Gebrauch materieller Dinge eine gewisse Sicherheit und Erfüllung ermöglicht, womit innere Zustände von Unsicherheit, Leere, Schmerz und Angst zu einem gewissen Grad kompensiert werden können. Durch diese Verfügbarkeit irdischer Möglichkeiten läuft man Gefahr, verschiedene Arten von Süchten zu entwickeln oder zu verstärken, so etwa die Sucht nach Geld und materiellen Reichtum, Sucht nach Macht oder sinnlichen Lüsten. Man spricht auch von »Anhaftungen«. Es besteht die Gefahr, die Möglichkeit einer tiefen, ursächlichen und inneren Ausheilung zu vernachlässigen oder diese überhaupt nicht mehr zu erkennen. Das Materielle ist zwar an sich nicht schlecht. Durch die materielle Welt kann man auch das Göttliche bzw. Heilige des Lebens erkennen und es ist nicht falsch, materielle Dinge zu genießen. Aber es kommt auf die Balance an.

 

Es ist völlig normal, immer wieder einmal in Zustände des Unfriedens und der »Bedingtheit« zu gelangen, weil das Leben Erledigungen erfordert und manchmal schwierig ist – man stellt Bedingungen bzw. Anforderungen an sich selbst oder andere Menschen, weil sich die Dinge nicht von allein erledigen. Formen von Unzufriedenheit, Schmerz und Angst motivieren zum Lernen und Handeln. Wenn diese Zustände jedoch überhandnehmen, dann läuft man Gefahr, den Sinn für das Gute und die Weisheit zu verlieren.

 

Daher hat in den spirituellen Lehren die Vergebung einen so zentralen Stellenwert. Auch die akademische Psychologie hat die hohe Bedeutung des Vergebens als Tor zur psychischen Befreiung erkannt. Das Vergeben hat nichts damit zu tun, heile Welt zu spielen oder das Schlechte zu bejahen und zu rechtfertigen. Beim Ver-geben gibt man etwas weg. Man befreit sich von Zuständen, die für sich selbst und andere Menschen nicht gut sind. Zustände, die das Leben blockieren, insbesondere eine Rolle der Ohnmacht und/oder eine Rolle der Täterschaft, des Kampfes – je nachdem, wie man mit Schmerz und Angst umgeht.

 

Durch Nicht-Vergebung, Hass und Kampf trennt man sich selbst von der Liebe, gleichzeitig macht man sich abhängig von den Menschen, denen man nicht vergibt, man bindet sich an sie, entweder weil man Macht über sie haben will und darin eine Quelle der Befriedigung sieht, oder weil man von ihnen gewisse Dinge erwartet, wie etwa Wiedergutmachungen, Reue, Einsicht, Entschuldigungen oder Besserungen.

 

Je weniger man einen übermäßigen Kampf erkennt und dieser voranschreitet, umso mehr verkapselt sich das Herz, wodurch man immer mehr das Gefühl und den Sinn für die Liebe und die zwischenmenschliche Weisheit verliert. Es entsteht ein Zustand der »Trennung«, worin die Bedeutung des Begriffs »Sünde« liegt, von sondre für Ab-sonderung.

 

Wahre Vergebung ist ein emotionaler Prozess, bei dem man ein übermäßiges Gemüt des Widerstandes, des Dagegenseins aufgibt. Dadurch kann sich ein Gemüt des Friedens und der Liebe ausbreiten, von dem man davor – zum Beispiel durch Hass – getrennt war. Es ist ein Prozess, indem man sich selbst für die Aufhebung der (inneren) »Sünde« öffnet.

 

Das Vergeben ist immer wieder nötig, es kann dauern, aber mit der Zeit immer besser gelingen. Es kann leichter fallen oder wird vielleicht sogar erst dann richtig möglich, wenn man erkennt, dass der Mensch nicht von Grund auf böse ist. Man muss erkennen, dass es keine bewussten bösen Taten geben kann. Das ist eine Aussage, die sicher manche Menschen zur Weißglut bringt. Aber warum heißt es, »Wahrheit mach frei«? Und wieso sagte Jesus am Kreuz, der zuvor stundenlang schwer gefoltert wurde, der Herr solle seinen Peinigern vergeben, denn »sie wüssten nicht, was sie tun«? Die Unbewusstheit besteht darin, dass der Mensch in der Bösartigkeit nicht sieht, dass ihm seine Bösartigkeit nichts bringt, damit es ihm besser geht. Er begreift nicht, dass seine Bösartigkeit ein unnötiger Selbstläufer ist, und er in Wirklichkeit andere, bessere, weisere Handlungsmöglichkeiten ergreifen könnte, um seine Zufriedenheit zu erreichen. Das ist das Problem der Unbewusstheit. Wer das erkennt, der sieht auch, dass die überdauernde Wahrheit des Menschen nicht das Böse sein kann.

 

Ob man vergeben kann und seelisch höher schwingt, bemerkt man im Wesentlichen an zwei Faktoren:

  • In Streitsituationen nimmt man gewisse Hemmschwellen wahr, die es verhindern, in eine zerstörerische Bösartigkeit oder Rachsucht zu geraten. Man mag zwar wütend sein oder sogar zur Gewalt greifen, wenn Gewalt wirklich zum Schutz des (eigenen) Lebens nötig ist. Aber es entstehen keine Absichten oder gar Gelüste, Gegner zu schädigen oder zu vernichten. Wenn man schon aus Gründen der berechtigten Verteidigung zu einer Art Gewalt greifen muss, dann bedauert man es.

  • Spätestens dann, wenn man bemerkt, dass ein Kampf nichts mehr bringt oder nicht mehr nötig ist, kann man loslassen, also vergeben und den Widerstand durch Bejahung ersetzen. Das Herz wird leichter, öffnet sich und man verspürt Gefühle des Friedens, der Versöhnlichkeit, des Wohlwollens, Gefühle der Glückseligkeit und Geborgenheit. Zustände, in denen man sich mit sich selbst und anderen Menschen »einig« fühlt.

 

Abgesehen von den lieblosen menschlichen Handlungen aufgrund von unerlöstem Schmerz und unerlöster Angst, existieren auch viele schlechte Handlungen, deren Auswirkungen auf andere Lebewesen weniger offensichtlich sind. Viele Handlungen sind wir einfach gewohnt, wir sind damit aufgewachsen, sie wurden uns vorgelebt und sie scheinen völlig normal zu sein. So weiß man vielleicht lange nicht, dass hinter einigen Nahrungsmitteln, die man unbedacht und gewöhnlicherweise im Supermarkt einkauft, viel Tierquälerei steckt und man sich durch den eigenen Kauf und Konsum an dieser Quälerei mitschuldig macht.

 

Aus Nahtoderfahrungen kann man lernen, dass im Universum nichts ungesühnt bleibt und jedem Menschen irgendwann all seine Handlungen, die sich irgendwie negativ auf andere Lebewesen auswirkten, vor Augen geführt werden. Dazu das Beispiel der Nahtoderfahrung von Berkley Carter Mills: »Ich durchlebte noch einmal jedes einzelne Ereignis meines Lebens, einschließlich der Tötung eines Mutter-Vogels, als ich acht Jahre alt gewesen war. Ich war auf diesen einzigen Schuss so stolz gewesen, bis ich den Schmerz fühlte, den die drei Vogel-Babys durchlitten, als sie verhungerten.«

 

Man wird aber für all diese Vergehen beim Sterben offenbar nicht sofort gerichtet oder in die Hölle geworfen. Vielmehr wird man aufgerichtet. Es wird einem aufgezeigt, was man versäumt hat besser zu machen, indem man Schmerzen, die man anderen versursacht hat, durchlebt. Typisch höllische Erfahrungen macht man offenbar eher dann, wenn man durch und durch vom Bösen ergriffen und das Herz stark erhärtet ist, weil dadurch eine seelisch-energetische Blockade entsteht.

 

Es dürfte also nicht so schwer erkennbar sein, worauf es letztlich ankommt: Der Mensch kann nur dann glücklich werden, wenn er auch andere Lebewesen liebt und wenn er die Gleichheit zu anderen Lebewesen erkennt. Nur dadurch kann die Liebe auch im eigenen Inneren spürbar werden. Wer nicht liebt, schadet sich selbst, auch wenn es ihm nicht bewusst ist. Natürlich muss man nicht jeden Menschen direkt lieben. Man darf sich vor bösartigen Menschen schützen, auf Distanz gehen, man muss nicht mit jedem Menschen befreundet sein. Aber die Frage ist: Was überwiegt im eigenen Leben und wie weit geht man bei kurzfristigen Kämpfen ins Zerstörerische? Überwiegen Egoismus, Rücksichtslosigkeit, Sucht und Kampf? Oder eher Rücksichtnahme, Versöhnlichkeit, Wohlwollen und der Sinn für Gemeinschaft?

Paradies der Kinder, von Arthur Rackham.

 

Bildrechte: Als gemeinfrei gekennzeichnet auf Wikimedia Commons. 

 

Zitate

 

Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen.

Matthäus, 5-9

Wenn man jemandem alles verziehen hat, ist man mit ihm fertig.

Sigmund Freud, österr. Psychiater und Begründer der Psychoanalyse, 1856 - 1939

Stimme jede Tat, jedes Wort und jede Absicht so ab, dass du an diesem Augenblick aus dem Leben scheiden könntest.

Mark Aurel, röm. Kaiser und Philosoph, 121 – 180

Je dunkler es hier um uns wird, desto mehr müssen wir unser Herz öffnen für das Licht von oben.

Edith Stein, heiliggesprochene dt. Mystikerin, 1891 - 1942

Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich zuschließt vor den Menschen! Ihr kommet nicht hinein, und die hinein wollen, lasset ihr nicht hineingehen.

Matthaeus 23:13

Wir suchen uns unsere Freuden und Leiden aus, lange bevor wir sie durchleben.

Khalil Gibran, libanesisch-amerik. Philosoph und Dichter, 1883 - 1931

Durch Fehler und Irrtümer vervollkommnet sich der Mensch. Durch das Leid aber lernt er, dass alle Wege, die in Dunkelheit beginnen, zum Lichte führen müssen.

Hippokrates von Kos, berühmtester Arzt des Altertums, 460 – 370 v. Chr.

Falls wir die Prüfungen des jetzigen Lebens nicht bestehen, ist es selbstverständlich, dass wir diese wiederholen müssen. Dies kann nur unter den gleichen Umständen, d. h. in der gleichen Zeit-Raum-Dimension der materiellen Welt, hier auf dieser Erde geschehen. Wir werden reinkarniert, um etwas besser zu machen als zuvor.

Stefan Jankovich[9]

Quellen

[1] https://the-formula.org/ndes-hell/

[2] Emanuel v. Swedenborg, H J Hube (Hrsg.), »Himmel und Hölle«, Marix Verlag 2016, S. 349

[3] Howard Storm, »Mein Abstieg in den Tod und die Botschaft der Liebe, die mich von dort zurückbrachte«, Santiago Verlag 2008, S 16 ff

[4] https://www.youtube.com/watch?v=L-MvefIbF14&t=2s ab min 8:46

[5] https://www.youtube.com/watch?v=X54dYbfCSR4

[6] http://the-formula.org/ndes-hell/ (auf Englisch, mit Suchfunktion suchen)

[7] http://the-formula.org/ndes-hell/ (auf Englisch, mit Suchfunktion suchen)

[8] https://www.youtube.com/watch?v=r8ze9NkI3ZY etwa ab 2:08:00

[9] Stefan Jankovich, »Ich war klinisch Tod: Der Tod - mein schönstes Erlebnis«, Drei Eichen 2011

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