Das Gegenteil von Liebe ist nicht Angst, sondern das Böse

Bildrechte und -quelle: Artist muzafarLion & sheep paintingCC BY-SA 3.0

 

Dieser Artikel soll zeigen, warum die Angst kein direktes Gegenteil von Liebe ist, sondern eher eine Art Zwischenstufe zwischen der Liebe und den eigentlichen Gegenteilen der Liebe: Egoismus, Gewalt und Bösartigkeit.

 

Ist es überhaupt sinnvoll, solche Gegenteile zu kennen? Ja, es kann Sinn machen, denn ein Gegenteil kann man als eine Art Gegenmittel sehen. So wird die Liebe oft als das Allheilmittel gegen Angst gesehen. Wenn sie das aber wäre, warum haben dann auch viele liebevolle Menschen Angst im Leben? Weil die Liebe allein eben nicht genügt – jedenfalls nicht jenes Verständnis von Liebe, welches zurzeit noch sehr verbreitet ist.

 

Das wirkliche Gegenteil von Liebe

Sehen wir uns genauer an, was die Liebe und ihr Gegenteil ist. Dabei handelt es sich nicht nur um Gefühle und Emotionen, sondern auch um entsprechende Einstellungen und Verhaltensweisen:

  • Das angenehme Gefühl der Liebe. Es ist wie eine innere Sonne, wärmend und erfüllend. Es erzeugt auch Empfindungen von Freiheit, Zugehörigkeit zu anderen Menschen und Lebewesen, Weite und Geborgenheit, als würde man von innen her gehalten oder getragen werden. Gegenteile: Gefühle von Leere, Mangel, Kälte, im Stich-gelassen-Sein, Isolation, Unsicherheit, Enge, Gefangen-Sein.

  • Das liebevolle Gemüt und entsprechendes Verhalten sich selbst und anderen gegenüber: ich verstehe, ich bin einfühlsam, ich akzeptiere, ich helfe, ich bin wohlwollend. Gegenteile: Wenig oder kein Mitgefühl, Ausgrenzung, Rücksichtslosigkeit, Gleichgültigkeit, kein Verantwortungsbewusstsein für das Wohlergehen anderer Menschen, Neid, Gier, Missgunst, Rachsucht, Schadenfreude oder der Freude, andere Menschen zu beherrschen oder zu quälen.

  • Weitere Gefühle und Verhaltensweisen der Liebe: Zwanglosigkeit, Sanftmut, Geduld, Authentizität, Aufrichtigkeit, Dankbarkeit, Wertschätzung, Freude, Humor, Hingabe, Treue, Vertrauen, Akzeptanz, Versöhnlichkeit. Gegenteile: Zwanghaftigkeit, Aggression, Falschheit und »Verstellung«, Lüge, Misstrauen, Abwertung, Kritiksucht, Streitsucht, Rechthaberei, Humorlosigkeit, Eitelkeit, Verurteilung, Hass, Überheblichkeit.

  • Liebe setzt auch Grenzen und ist nicht immer »lieblich«. Zum Beispiel kann eine liebende Mutter sehr »böse« werden, wenn ihr Kind angegriffen wird. Aber aus der Liebe heraus überschreitet sie gewisse Hemmschwellen nicht. Sie wendet Gewalt nur so weit an, wie es zum Schutz des Kindes unbedingt nötig ist.

 

Man spricht etwa auch von »gut und böse« oder im Englischen von »good and evil«. Andere typische Gegensatzpaare sind »Krieg und Friede« sowie »Himmel und Hölle«. Im Vater Unser wird das Böse auch als das Übel bezeichnet.

 

Jemand meinte einmal, es gäbe kein Gegenteil von Liebe. In gewisser ist das gar nicht falsch, denn jeder Mensch hat den Wunsch nach Liebe in sich, auch der böse Mensch. Der Mensch kann auf Dauer nicht allein glücklich werden. Er braucht andere Lebewesen und dieser Drang nach Verbindung zeigt sich auch am Bösen: Der böse Mensch braucht andere Menschen, zu denen er böse sein kann, sonst gewinnt er aus seiner Boshaftigkeit keine Befriedigung. Er will sehen, dass er eine Macht über andere Menschen hat. Es handelt sich um eine Art Sucht, daher spricht man etwa auch von Selbstsucht. Es ist eine Art verkehrte, krankhafte oder zwanghafte Form von »Liebe«, im Gegensatz zur zwanglosen, befreienden und glückseligen Liebe.

 

Aber es ist nicht verkehrt, diese falsche, zwanghafte »Liebe« als Gegenteil von der reinen Liebe zu sehen. Jeder Mensch hat ein Herz. Das Herz ist ein Gefäß, sowohl das körperliche wie das spirituelle. Wenn man es verschließt, dann kann man auch keine Liebe spüren. So spricht man auch vom »verschlossenen« Herz, vom »kalten« Herz oder vom »verstockten« Herz. Warum finden wir Tiere und Kinder oft so »süß«, so »herzerwärmend«? Weil sie dieses versteinernde Ego nicht haben.

 

Die falsche »Liebe« ist im Grunde das »rebellische Herz« oder das »egoistische Herz«, aus dem der egoistische Wille hervorgeht. Das eine Extrem ist die absolut bedingungslose Liebe, das andere Extrem das absolut Böse, wo das Gefühl der (falschen) Liebe aus der Lust entsteht, andere Lebewesen zu beherrschen oder sogar zu quälen. Das ist im Übrigen genau jenes, was Menschen bei höllischen Nahtoderfahrungen erleben – es ist das blanke Gegenteil von »Licht und Liebe«.

 

Man kann es unmittelbar selbst im eigenen Inneren spüren (lernen): Durch die Zwanghaftigkeit entsteht eine innere Barriere, eine »Bedingung«, ein »Muss«, mit dem man sich von einem angenehmen Lebensgefühl (der »Liebe« im erweiterten Sinne) abspaltet. Psychologisch gesehen ist es daher gar nicht falsch, extremere Zustände von Zwang oder Sucht als »Todsünden« zu bezeichnen, denn in solchen Zuständen ist man innerlich tatsächlich in gewisser Weise tot bzw. leer. Man hat keine Ruhe, ist in der »Sucht« bzw. Anhaftung und sieht nicht, dass wahre Erfüllung nur in der Zwanglosigkeit möglich wird. Man sucht die Zufriedenheit eher zwanghaft über äußere Dinge wie Bewunderung, Geld, Macht und sinnliche Genüsse.

Angst führt nicht automatisch zum Bösen

Das Leben kann überwältigend sein. Wenn sich der Mensch mit seinen Nöten, also etwa mit Angst, Ärger oder Trauer nicht zu helfen weiß und nicht sieht, dass es vernünftige Lösungen gibt, dann neigt er dazu, egoistisch und zwanghaft zu werden, um sich »wirksam« zu fühlen und mit dem Leben klar zu kommen. Das ist das Gefährliche an der Angst und anderen stressvollen Situationen wie Ärger, Minderwertigkeit, Mangel, Misserfolg, Scham, Einsamkeit oder Trauerschmerz. Sie können den Menschen dazu treiben, zwanghaft, egoistisch und bösartig zu werden.

 

Wenn ein Mensch in solchen Zuständen aber auf Zwang, Egoismus und Bösartigkeit verzichtet, wo ist dann hier ein Gegenteil von Liebe? Jemand kann in Not und Angst sein, aber das heißt nicht, dass er dadurch böse oder sonst irgendwie unvernünftig wird. Erst durch die Art und Weise, wie man auf schwierige Zustände antwortet, entscheidet sich, ob und wie weit man den Bereich des Liebvollen und der Vernunft verlässt.

Foto: Malerei »All Is Vanity« von Charles Allen Gilbert (1892). Illustriert das Drama der Eitelkeit, die ein (unbewusster) Teufelskreis aus Selbstsucht und zwanghafter sozialer Bedürftigkeit ist. Sie ist damit eine Form von seelischem Leiden. Die beiden Köpfe der Frau sind zugleich die Augenhöhlen des Totenkopfes, der die innere Leere symbolisiert.

 

Die Hauptursache des Bösen

Das Leben ist nicht immer einfach. Es kann schwierig und sehr leidvoll sein. Aber es gibt Menschen, die geraten dennoch nie in die Bösartigkeit, weil sie – zumindest intuitiv und unbewusst – spüren, dass das Böse keine Lösung ist. Sie spüren, dass sie sich mit der Bösartigkeit selbst ebenso unnötig schaden wie anderen Menschen. Das Böse ist ein Kind der Dummheit oder der Unbewusstheit. Der Verzicht auf das Böse hingegen ist ein Zeichen von Vernunft, von Klarheit, von Bewusstheit und Weisheit.

 

Nehmen wir ein Extrembeispiel, weil es doch wieder ein bisschen aktuell ist: Der Nationalsozialismus. Hitler sah die Dinge von Kindheit an sehr einseitig. Wenn es Probleme gab, dann waren aus seiner Sicht immer die anderen schuld. Er wollte Künstler werden, wurde aber in Wien mehrfach von der Kunstuniversität abgelehnt, während er gleichzeitig sah, dass Immigranten jenen Erfolg hatten, den er sich selbst wünschte. Er hat einfach nicht begriffen, wie Probleme entstehen und wie sie am besten zu lösen sind. Er war nicht einsichtig, daher reagierte er schnell mit Angst und Wut. Hitler und seine Gesinnungsgenossen erschufen aus Unwissen einen Sündenbock für die aktuellen und scheinbaren Probleme, und zwar die Juden. So etwas ist einfach nur dumm, genauso wie es dumm ist, bestimmte andere Gruppen übermäßig als Feindbilder anzuklagen. Durch solche Dummheiten entstehen verzerrte Wahrnehmungen der Realität, durch die sich Gefühlszustände wie Angst und Hass entsprechend aufblasen können.

 

Wenn Zustände wie Angst, Trauer oder Wut übertrieben sind, so ist dies meistens die Folge einer Fehleinschätzung der Realität: Man sieht die Dinge schlechter oder gefährlicher, als sie es in Wahrheit sind. Man sieht sich selbst machtloser, als man es tatsächlich ist. Es entsteht eine verzerrte Wahrnehmung, daher meinte der berühmte Psychologe Erich Fromm, das Wissen entsteht, wenn der Mensch die Täuschungen seiner Wahrnehmungen erkennt. Anstatt von »Wissen« kann man hier auch von Vernunft, Klarheit oder Bewusstheit sprechen.

 

Der bewusste Mensch ist vorsichtiger mit seiner Wahrnehmung. Er steigert sich nicht zu sehr hinein, er wird nicht so schnell ungeduldig, er überlegt. Er weiß, dass Egoismus und Gewalt alles schlimmer machen, und zwar sowohl für ihn selbst als auch für andere. Das Gewissen sagt dem Menschen, dass Egoismus und Kampf höchstens dann sinnvoll und berechtigt sind, um sich vor Angriffen zu schützen.

 

An den Schwierigkeiten der Menschheit zeigt sich auch, warum fehlende Spiritualität ein Faktor für Unwissen und Egoismus sein kann. In einer wirklichen Lage von Angst und Ohnmacht ist der Mensch verführt, egoistisch zu werden, anstatt geduldig auf die unsichtbaren und guten Kräfte zu vertrauen, die ihn wohlwollend lenken und tragen, auch wenn er diese Kräfte nicht immer so deutlich wahrnimmt. Und das ist das Tolle am Verstand, der auch wiederum in spirituellen Kreisen oft so verteufelt wird: Durch ihn kann man die geistige Enge einer schwierigen Situation überwinden und nach vorne blicken. Eine gute spirituelle Bewusstheit kann viel dazu beitragen, mehr auf die Vernunft zu hören, anstatt auf billiges Ego-Verhalten zurückzugreifen.

 

Gegenteile der Liebe sind also vor allem das »Ego« und das Böse. Durch solche Zustände sondert sich der Mensch unbewusst selbst vom Guten ab, von dem, was heilsam ist und glücklich macht. Hierin besteht die Bedeutung der »Sünde« von »sondre«, was nur ein Fremdwort ist für Absonderung oder Trennung. Und hier zeigt sich auch, dass die Liebe nicht »bedingungslos« in dem Sinne ist, dass ein Mensch einfach so von ihr erfüllt wird. Es ist sozusagen eine (eigene innere) Bedingung, die Widerstände loszulassen, die der Mensch selbst durch sein Ego errichtet.

Hier geht´s zum Artikel über das Gegenteil von Angst.

 

Zitate über Liebe und Egoismus

Immer ist die wichtigste Stunde die gegenwärtige; immer ist der wichtigste Mensch, der dir gerade gegenüber steht; immer ist die wichtigste Tat die Liebe.

Meister Eckhart, Philosoph, 1260 - 1328

 

Es gibt in Wahrheit kein letztes Verständnis ohne Liebe.

Christian Morgenstern, deutscher Schriftsteller, 1871 – 1914

 

Wer sich für andere interessiert, gewinnt in zwei Monaten mehr Freunde als jemand, der immer nur versucht, die anderen für sich zu interessieren, in zwei Jahren.

Dale Carnegie, am. Kommunikationstrainer und mehrfacher Bestsellerautor, 1888 – 1955[1]

Der Mensch, der sich für seine Mitmenschen nicht interessiert, hat im Leben die meisten Schwierigkeiten und fügt anderen am meisten Schaden zu. Solche Menschen sind die Ursache allen Elends.

Alfred Adler, österr. Pionier der Individualpsychologie und Psychotherapie, 1870 – 1937

Das Streben nach Vollkommenheit macht manchen Menschen vollkommen unerträglich.

Pearl S. Buck, amerik. Schriftstellerin u. Literaturnobelpreisträgerin, 1892 – 1973

Ich hatte nie das Gefühl, irgendwo zuhause zu sein. Nach meiner Nahtoderfahrung weiß ich, was Zuhause ist. Für mich ist Zuhause wirklich die jenseitige Welt, und das hat mich sozusagen etwas versöhnt – weil ich da hingucken durfte – hier mehr anzukommen, in meinem jetzigen, irdischen Zuhause.

Dirk Hirsch über seine Nahtoderfahrung[2]

Ich lernte, dass Liebe nicht nur diese Emotion ist, die du im Körper fühlst. Sie ist die natürliche Kraft, die deine eigene Seele und dein Leben lebendig macht.

Ranelle Wallace über ihre Nahtoderfahrung[3]

Ein Krieg ist nicht gewonnen, wenn der geschlagene Gegner nicht in einen Freund verwandelt wird.

Eric Hoffer, amerik. Philosoph, 1902 – 1983

Stimme jede Tat, jedes Wort und jede Absicht so ab, dass du an diesem Augenblick aus dem Leben scheiden könntest.

Mark Aurel, röm. Kaiser und Philosoph, 121 – 180

Quellen

[1] Dale Carnegie, Wie man Freunde gewinnt: Die Kunst, beliebt und einflussreich zu werden, Fischer Taschenbuch 2016, S. 84 Abs. 1

[2] https://www.youtube.com/watch?v=GXiUcUCYp8M&t=254s 6:38 und 9:32

[3] https://www.youtube.com/watch?v=G2xDyp-3IqE min 4:10

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