Das Gegenteil von Angst ist Vertrauen

 

Die Liebe sei das Gegenteil von Angst, so heißt es oft. Will man damit sagen, die Liebe sei das Heilmittel der Angst? Als ich selbst noch von Angst und Panikattacken betroffen war, hat mir diese Behauptung nicht viel geholfen und ich glaube, sie hilft auch vielen anderen nicht sehr.

In diesem Artikel möchte ich zeigen, warum der eigentliche Angstlöser jenes ist, was wir als Vertrauen bezeichnen, was dieses ausmacht und was es mit der Liebe zu tun hat.

 

 

Ein falsches Verständnis von Liebe fördert Angst

Die Liebe kann helfen, Ängste zu lösen, aber es kommt dann darauf an, was man darunter versteht. In manchen spirituellen Kreisen wird beispielsweise eine problematische Mentalität von »Wir sind alle eins« gefördert, was dazu führen kann, sich nicht ausreichend von anderen Menschen abgrenzen zu können, was wiederum ein schwerer Faktor für Ängste ist.

 

Als Kind ist man abhängig von Liebe und Bestätigung. Man braucht Bezugspersonen, die einem zeigen, was richtig ist. Wenn man nun aus dieser Abhängigkeit nicht herauswächst, dann entwickelt sich keine Selbstsicherheit und keine Ich-Stärke. Es kann sein, dass man ich-schwach wird, was auch bedeutet, dass man sich nicht abgrenzen kann von den Meinungen und Verhaltensweisen anderer Menschen.

 

Wer eine gesunde Ich-Stärke hat, hat weniger Angst im Leben. Diese Ich-Stärke hat nichts zu tun mit Egoismus, sondern ist in ihrem natürlichen Zustand einfach nötig für innere Stabilität und Gelassenheit. Besonders die soziale Angst ist im Grunde ein Problem der Ich-Schwäche.

 

Ich-schwach zu sein bedeutet, dass man sich über die Richtigkeit der eigenen Gedanken und des eigenen Verhaltens nicht sicher ist. Stattdessen »sucht« man diese Bewertung übermäßig im Äußeren. Das kann auch unbewusst der Fall sein und es ist eine Quelle für Stress, Angst und Scham-Angst, weil man die Aufmerksamkeit zu sehr darauf richtet, was andere Menschen denken, wie sie reagieren.

 

In der Ich-Schwäche lässt man andere Menschen zu sehr darüber bestimmen, wie man sich selbst bewertet und fühlt: Jemand sieht mich kritisch an und ich übernehme diese kritische Sicht auf mich selbst. Umso mehr ersehnt man Situationen der Zustimmung und Bestätigung. Man ist nicht Herr über die eigene »Stimmung«. Es ist nichts falsch daran, Zustimmung und Bestätigung zu genießen, aber die Frage ist, ob man davon abhängig ist.

 

Durch eine solche »Auslagerung« der Selbstbewertung hat man keine ausreichende Distanz oder »Gleichmütigkeit« nach außen, zu anderen Menschen. Hieraus ergibt sich auch das häufige Problem der Eitelkeit. Sie ist eine Art Sucht: Die eigene Auffälligkeit (zum Beispiel durch Schönheit) soll von Grund auf Aufmerksamkeit und Zuneigung sicherstellen, was aber nie wirklich glücklich macht. Denn die Zuneigung anderer Menschen macht nur dann wirklich glücklich, wenn sie völlig zwanglos und bedingungslos ist.

 

In der Ich-Stärke hingegen hat man eine natürliche Gelassenheit, die aus der Überzeugung erwächst, dass das eigene Verhalten grundsätzlich gut und richtig ist, auch wenn es nicht immer perfekt ist. Das natürliche Gefühl von »ich bin gut« oder »ich bin liebenswert« kann zwanglos aus sich selbst heraus entstehen.

Wenn man jemanden fürchtet, dann kommt es daher, dass man diesem Jemand Macht über sich eingeräumt hat.

Hermann Hesse

 

Der natürliche Sinn der Angst

Ich sehe mich auch selbst als »spirituell«, aber manchmal zieht es mir den Magen zusammen in der »Spiritualität«. Besonders in spirituellen Kreisen wird zum Beispiel die Angst oft als das größte Übel für ein gutes Leben dargestellt. Gerade dort heißt es aber andererseits auch, jeder Mensch habe eine Lebensaufgabe und die Erfüllung dieser Aufgabe sei entscheidend für die »Erleuchtung«. Ja, gerade deswegen, weil das Leben eine Bedeutung hat, haben auch lästige Emotionen wie Angst, Scham, Trauer, Ärger und Schuld einen natürlichen Sinn. Sie machen den Menschen darauf aufmerksam, problematische Zustände zu lösen.

 

Die Angst macht wach und mobilisiert den Körper, um etwas gegen eine problematische Situation der Gegenwart oder Zukunft zu tun, also entweder direkt darauf einzuwirken oder sich davon zu distanzieren (»Kampf oder Flucht«).

 

Man bekommt Angst, wenn man sich als unterlegen wahrnimmt, also so, dass andere Menschen oder Umstände Macht über das eigene Leben haben mit der Befürchtung, dass man unter dieser Macht leidet oder daran stirbt.

 

Auch in der Rückschau auf bestimmte Situationen können entsprechende Emotionen auftauchen und zum Lernen bewegen, zum Beispiel die Schuld. Man denkt an eine Situation zurück und plötzlich wird einem bewusst, dass man damals jemandem etwas angetan hat. Man erkennt eine Schuld und es entsteht Reue. Man will den Schaden wieder gut machen und ihn in Zukunft vermeiden.

 

Letztlich sind also Emotionen wie die Angst an sich keine Gegenteile von Liebe. In einem gesunden Ausmaß sind sie Helfer des Lebens. Und so wie Angst und Panik übertrieben sein können, können auch ihre Gegenteile problematisch sein: Gefühle der Sicherheit, der Geborgenheit und des Vertrauens, zum Beispiel wenn man eine Gefahr nicht kennt oder falsch einschätzt. So kann es sein, dass man sich bei Autofahren zu sicher fühlt und daher nicht vorsichtig genug fährt, was tatsächlich die Hauptursache der meisten Verkehrsunfälle ist.

 

Mehrere Gegenteile von Angst

Wenn man Angst hat, dann hat das nicht automatisch mit einem Defizit an Liebe zu tun, sondern eher mit einem Defizit an Klarheit und/oder Sicherheit.

 

Was wir als Sicherheit bezeichnen ist einerseits ein Gefühl. So spricht man auch von einem »Gefühl der Sicherheit« oder von »Geborgenheit«. Anderseits ist Sicherheit etwas Faktisches und Äußeres. Ein einfaches Beispiel: Wenn man ein eigenes Haus, viel Geld, viel Wissen, ordentliche Fähigkeiten und viele gute Freunde hat, dann fühlt man sich eher sicher im Leben. Je mehr jeweils das Gegenteil der Fall ist, umso eher neigt man dazu, sich unsicher zu fühlen. Man sieht sich dann nicht so sehr in der »Macht« und fühlt sich eher ohnmächtig, was im Grunde Angst ist.

 

Gegenteile von Unsicherheit und Ohnmacht sind Sicherheit und Macht. Man spricht auch von Selbstsicherheit und Selbstwirksamkeit. Je mehr man eine Situation so einschätzt, dass sie gelingt, dass man sie bewältigt, umso eher entsteht ein Gefühl von Vertrauen bzw. Selbstvertrauen. Ein weiterer Begriff in der Psychologie ist die »Kohärenz«. Ein Gefühl von Kohärenz ist das Gefühl der Ge-wiss-heit, dass man einer Situation »Herr« ist.

 

Wir brauchen ein Mindestmaß an Klarheit, eingeübten Fähigkeiten und äußerer Sicherheit, um gelassen leben zu können, anstatt ständig in der »Anstrengung« zu leben. Das ist ein technischer Aspekt bzw. ein technisches Erfordernis des Lebens. Ein Mensch kann liebevoll sein, aber dennoch Angst haben, weil er mal unterlegen ist, weil seine Umstände überwältigend sind, weil er die Dinge momentan nicht überblickt oder weil ihm eine Routine im Verhalten fehlt. So ist man zum Beispiel eher angespannt, wenn man eine neue Arbeitsstelle annimmt, aber je mehr man sich einarbeitet, umso mehr verschwindet die Anspannung.

 

Von der Liebe allein zum Beispiel kommt kein Essen in den Magen. Man muss Nahrungsmittel besorgen, wissen wie man kocht und das Essen tatsächlich zubereiten und essen. Man muss etwas begreifen oder »peilen« und schließlich tun. Das sind technische bzw. formelle Erfordernisse des Lebens. Ansonsten hat man keine ausreichenden »Aussichten« darauf, dass einzelne Situationen oder das Leben generell (überwiegend) gelingen, und solche negativen Aussichten bewirken Angst.

 

Auf der zwischenmenschlichen Ebene heißt das: Man braucht ein bisschen Menschenkenntnis, um zu wissen, wie man sich im Wesentlichen »gut« und »richtig« verhält oder eben nicht verhält, um mit anderen Menschen grundsätzlich gut auszukommen und weniger Angst vor anderen Menschen zu haben. Hier geht es nicht um übertriebenen Perfektionismus, sondern einfach um ein Mindestmaß an »sozialer Kompetenz«. Und hier kommt dann die Liebe ins Spiel.

 

Klarheit und Verhaltenssicherheit schaffen also Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und nach außen, in »die Welt«. Sie sind die Basis für ein entspannteres Leben und auch für eine gesunde Ich-Stärke und Abgrenzungsfähigkeit, zum Beispiel gegenüber Kritik und Ablehnungen. Daher haben Ich-Stärke und Abgrenzung an sich nichts mit Egoismus zu tun, sondern mit einer natürlichen inneren Stabilität, die für das Leben wichtig ist.

 

Faktische Sicherheit ermöglicht auch Freiheit. Man spricht etwa auch von eingeschränkten oder erweiterten »Handlungsspielräumen«. Auch das Gefühl der Freiheit kann man daher als ein Gegenteil von Angst sehen, so wie faktische Freiheit ein Gegenteil von faktischer Ohnmacht ist. Tatsächlich stammt das Wort Angst von »angustus« für »Enge, Beengung, Bedrängnis«. Mit der Freiheit hingegen hat man Empfindungen von »Weite«.

 

 

Liebe, Weisheit, Gewissen

Was hat also die Liebe mit dem Ganzen zu tun? Stellen Sie sich vor, Sie hätten den größten materiellen Reichtum, aber Sie wären völlig allein auf dieser Welt: Das Leben wäre nicht lebenswert. Es wäre sogar eher beklemmend, weil das Wichtigste darin fehlt. Und das ist jenes, was man nicht kaufen, nicht erzwingen und nicht herstellen kann.

 

Es ist die zwanglose »Verbundenheit« zu anderen Menschen, das »Eins-Sein«, die Zugehörigkeit. Auf Dauer wird der Mensch krank, wenn er keine Zugehörigkeit empfindet und nicht gut mit anderen Menschen auskommt. Und diese Zugehörigkeit macht nur dann glücklich, »selig« und geborgen, wenn sie zwanglos ist. Man kann auch sagen: Die Zuwendung (Liebe) eines anderen Menschen kann man nur dann genießen, wenn man weiß, dass sie völlig freiwillig ist.

 

Der Mensch braucht »Macht«, um das Leben zu bewältigen, er braucht »Wirksamkeit«. Das ist der oben erwähnte technische Aspekt des Lebens. Aber hierbei spielt auch jenes eine wichtige Rolle, was wir als Liebe bezeichnen. Denn Liebe bedeutet unter anderem: Ich spüre, wie es mir selbst und anderen geht.

 

Ich spüre, wie sich mein Verhalten auf andere Menschen und auf mich selbst auswirkt. Ich spüre, was für ein gutes und freudvolles Leben meiner Mitmenschen gut ist. Wenn ich das spüre, dann ergibt sich auch ein entsprechendes Verhalten: Ich tue mir selbst nichts, was nicht gut ist, und ich tue anderen nichts, was ich selbst nicht will. Hieraus ergeben sich wichtige Hemmschwellen, um keine unnötigen Schäden anzurichten. Liebe bedeutet Mitgefühl, Rücksichtnahme und Wohlwollen. Da geht es nicht um Kitsch und Schwärmerei, sondern um das, was für ein gutes Leben nötig ist. Somit steckt auch in dem, was wir »Liebe« nennen, etwas Technisches, ein technischer Aspekt des Lebens.

 

Als Kinder zum Beispiel wollen wir mehr oder weniger ständig andere Menschen um uns haben, mit denen wir das Leben genießen können. Mit dem Älterwerden steigen dann die technischen Anforderungen des Lebens und es besteht die Gefahr, dass sich ein »Ego« entwickelt, welches oft dazu führt, die wahren Werte des Lebens zu vergessen.

 

Die übertriebene Angst ist oft die Folge von Unklarheit bzw. Unwissen und eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten (Ohnmacht). In Angst und Not neigt ein Großteil der Menschen zum Egoismus, zur Zwanghaftigkeit und zur Bösartigkeit. Man will dann die Macht an sich reißen und neigt dazu, das »reine Herz« oder das »Gewissen« zu verdrängen. Daher ist es naheliegend, die Angst als das Gegenteil der Liebe zu bezeichnen. Aber genau genommen ist sie nur eine Zwischenstufe zwischen »Gut und Böse«. Erst in der Reaktion auf schwierige Situationen zeigt sich, ob man sich zum Egoismus und zum Bösen hinreißen lässt.

 

In der Bösartigkeit verliert man das Gefühl für das, was weise und richtig ist, für jenes, was für die Lösung von Problemen und für ein gutes Leben sinnvoll ist. Daher heißt es: In der Not zeigt sich der Charakter der Menschen.

 

Wenn jemand zum Beispiel übermäßig egoistisch ist, nach materiellem Luxus und Macht strebt oder sogar gewalttätig gegenüber anderen Menschen ist, so hat er vergessen, wer er in Wirklichkeit ist. Es ist ihm nicht bewusst, dass er im Grunde nach menschlicher Verbundenheit strebt, dass aber seine Zwanghaftigkeit bzw. Lieblosigkeit ein falsches Mittel ist, um seine wahren Sehnsüchte nach menschlicher Einheit zu erfüllen. Denn im Egoismus und in der Zwanghaftigkeit ist man auch dann einsam, wenn man liebende Menschen um sich hat. Man spürt innerlich keine Liebe, welche das einzige ist, was uns erfüllt. Die innere Liebe ist der »Füllstoff« des Lebens, der sich aus einem äußerlich liebevollen Umgang miteinander ergibt.

 

Natürlich ist es manchmal unumgänglich, Kämpfe zu führen, denn es gibt viel Schlechtes in dieser Welt. Manchmal ist es wichtig, um etwas zu kämpfen. Aber man kann auch den »guten Kampf« lernen und man muss auch wieder loslassen, wenn man glücklich sein will.

 

Aus der Liebe heraus verhält man sich – abgesehen von bestimmten Notsituationen, wo es um berechtigte Verteidigung geht – rücksichtsvoll und wohlwollend. Durch das Gewissen bzw. das »offene Herz« weiß man, dass man egoistisches Verhalten bereuen würde. Das direkte Gegenteil von Liebe ist daher nicht die Angst, sondern das Ego, das Zwanghafte und das Bösartige in verschiedenen Abstufungen und Arten.

 

Wenn man das durchschaut, dann wird man das Egoistische und Zwanghafte immer mehr loslassen. Man hat es nicht mehr nötig, sondern erkennt es als Blockade für das Leben. Deshalb wird Liebe oft im Zusammenhang mit Weisheit genannt.

 

Die Liebe ist also nur dann ein Angstlöser, wenn man zu ihr auch das Verstehen des Lebens zählt und die Weisheit zählt. So sagte beispielsweise Hermann Hesse: »Niemand ist weise, der nicht das Dunkel kennt.« Das »reine Kind« kennt das Dunkle bzw. das Böse nicht, deshalb läuft es Gefahr, darauf hereinzufallen. Nur durch ein gewisses Verstehen des Lebens kann Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und in die Welt entstehen, und dazu gehört es auch, andere Menschen und Tiere als empfindsame Wesen wahrzunehmen.

Es gibt in Wahrheit kein letztes Verständnis ohne Liebe.

Christian Morgenstern, deutscher Schriftsteller, 1871 – 1914

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