Das Gegenteil von Angst ist Vertrauen

 

Für Menschen, die von Angst betroffen sind, ist es nicht sehr sinnvoll, die Liebe immer als das große Gegenmittel von Angst darzustellen. Daher soll dieser Artikel zeigen, warum das direkte Gegenteil von Angst am ehesten das Vertrauen ist und was dieses mit der Liebe zu tun hat. Und er zeigt auch, dass es nicht nur zwei bestimmte, sondern mehrere Gegenteile gibt.

Ein falsches Verständnis von Liebe fördert Angst

 

 

Ja, die Liebe kann helfen, Ängste zu lösen, aber es kommt dann darauf an, was man unter der Liebe versteht. Ein einseitiges Verständnis von der Liebe kann dazu führen, dass sich eine gesunde Ich-Stärke auflöst bzw. eine Ich-Schwäche einstellt, die ein Kernthema vieler psychischer Probleme ist, gerade auch von Angststörungen und Depressionen.

 

Ich-schwach zu sein bedeutet, dass man sich über die Richtigkeit der eigenen Gedanken und des eigenen Verhaltens nicht sicher ist. Die Folge davon: Natürliche Gefühle von »Ich bin gut«, »Mein Verhalten ist gut«, sind schwach oder ganz verloren. Sie entstehen nicht mehr aus der Selbstbewertung bzw. dem Selbstbild, sondern daraus, wie man das Verhalten anderer Menschen wahrnimmt. Die Aufmerksamkeit ist zu sehr darauf gerichtet, was andere Menschen denken. Man kann auch sagen: Andere Menschen und deren Verhalten bzw. »Signale« haben eine zu direkte Wirkung auf die eigene »Stimmung« und man neigt zu der Vermutung, dass andere Menschen etwas Schlechtes denken (»Andere denken schlecht von mir, finden mich lächerlich, lehnen mich ab …«). Eine gesunde Distanz (Abgrenzung) nach außen, zu anderen Menschen und deren Verhalten, ist mehr oder weniger aufgelöst. Man sucht übermäßig nach Bestätigung von anderen Menschen, ist »bedürftig«. Man fühlt sich umso schlechter, je weniger Bestätigung man bekommt und je mehr man kritische bzw. ablehnende Signale wahrnimmt. Eine solche Wahrnehmung von »Ich und die Welt« oder »Ich und die anderen« ist ein ständiger Nährboden für innere Ohnmacht, Angst und Scham.

Wenn man jemanden fürchtet, dann kommt es daher, dass man diesem Jemand Macht über sich eingeräumt hat.

Hermann Hesse

Der natürliche Sinn der Angst

 

Von ihrem natürlichen Sinn her schützt die Angst das Leben. Sie macht wach und mobilisiert den Körper, um etwas gegen eine problematische Situation der Gegenwart oder Zukunft zu tun, also entweder direkt darauf einzuwirken oder sich davon zu distanzieren (»Kampf oder Flucht«).

Man bekommt Angst, wenn man sich als unterlegen wahrnimmt, also so, dass andere Menschen oder Umstände Macht über das eigene Leben haben mit der Befürchtung, dass man unter dieser Macht leidet oder daran stirbt.

Ein solcher Zustand kann darauf beruhen, dass äußere Umstände tatsächlich übermächtig oder schwierig sind, aber auch darauf – und das schreibe ich hier auch aus eigener Erfahrung – dass man gewisse eigene Fähigkeiten noch nicht ausreichend entwickelt hat, denn dadurch nimmt man auch Dinge, die an sich nicht gefährlich sind, als überfordernd wahr, woraufhin das Nervensystem eventuell mit Angst oder sogar Panik reagiert.

 

Letztlich ist also die Angst an sich kein Gegenteil von Liebe, sondern in einem passenden Ausmaß eine Dienerin des Lebens.

 

Mehrere Gegenteile von Angst

Wenn man Angst hat, so hat das nicht automatisch mit einem Defizit an Liebe zu tun, sondern eher mit einem Defizit an Klarheit und/oder Sicherheit.

Was wir als Sicherheit bezeichnen ist einerseits ein Gefühl. So spricht man auch von einem »Gefühl der Sicherheit« oder der Geborgenheit. Anderseits ist Sicherheit etwas Faktisches. Ein einfaches Beispiel: Wenn ich ein eigenes Haus, viel Geldreserven, Fähigkeiten und viele gute Freunde habe, dann fühle ich mich sicherer im Leben. Je mehr jeweils das Gegenteil der Fall ist, umso eher neigt man dazu, sich unsicher zu fühlen. Man fühlt sich dann eher »ohnmächtig«, und das löst Angst aus.

 

Faktische Unsicherheit ist im Grunde Ohnmacht. Das Gegenteil davon ist »Macht«. So spricht man auch von Selbstsicherheit oder Selbstwirksamkeit. Je mehr man eine Situation so einschätzt, dass sie gelingt, dass man sie bewältigt, umso eher entsteht ein Gefühl von Vertrauen bzw. Selbstvertrauen. Ein weiterer Begriff in der Psychologie ist die »Kohärenz«. Ein Gefühl von Kohärenz ist das Gefühl der Ge-wiss-heit, dass man einer Situation »Herr« ist.

 

Wir brauchen ein Mindestmaß an Klarheit, eingeübten Fähigkeiten und äußerer Sicherheit, um gelassen sein zu können, anstatt ständig in der »Anstrengung« zu leben. Das ist ein technischer Aspekt bzw. ein technisches Erfordernis des Lebens. Ein Mensch kann liebevoll sein, aber dennoch Angst haben, weil er mal unterlegen ist, weil seine Umstände überwältigend sind, weil er die Dinge momentan nicht überblickt oder weil ihm eine Routine im Verhalten fehlt.

 

Von der Liebe allein zum Beispiel kommt kein Essen auf den Tisch. Man muss Nahrungsmittel besorgen, wissen wie man kocht und das Essen tatsächlich zubereiten. Das sind technische bzw. formelle Erfordernisse des Lebens.

 

Übertragen auf das Zwischenmenschliche heißt das: Man braucht ein bisschen Menschenkenntnis, um zu wissen, wie man sich im Wesentlichen »gut« und »richtig« verhält oder eben nicht verhält, um mit anderen Menschen grundsätzlich gut auszukommen und weniger Angst vor anderen Menschen zu haben. Hier geht es nicht um übertriebenen Perfektionismus, sondern um ein Mindestmaß an »sozialer Kompetenz«.

 

Übertragen auf das Zwischenmenschliche heißt das: Man braucht ein bisschen Menschenkenntnis, um zu wissen, wie man sich im Wesentlichen »gut« und »richtig« verhält oder eben nicht verhält, um mit anderen Menschen grundsätzlich gut auszukommen und weniger Angst vor anderen Menschen zu haben. Hier geht es nicht um übertriebenen Perfektionismus, sondern einfach um ein Mindestmaß an »sozialer Kompetenz«. Und hier kommt dann die Liebe ins Spiel.

 

Klarheit und Verhaltenssicherheit schaffen also Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und nach außen, in »die Welt«. Sie die Basis für ein entspannteres Leben und auch für eine gesunde Ich-Stärke und Abgrenzungsfähigkeit, zum Beispiel gegenüber Kritik und Ablehnungen. Daher haben Ich-Stärke und Abgrenzung an sich nichts mit Egoismus zu tun, sondern mit einer natürlichen inneren Stabilität, die für das Leben wichtig ist.

Faktische Sicherheit ermöglicht auch Freiheit. Man spricht etwa auch von eingeschränkten oder erweiterten »Handlungsspielräumen«. Auch das Gefühl der Freiheit kann man daher als ein Gegenteil von Angst sehen, so wie faktische Freiheit ein Gegenteil von faktischer Ohnmacht ist. Tatsächlich stammt das Wort Angst von »angustus« für »Enge, Beengung, Bedrängnis«. Mit der Freiheit hingegen hat man Empfindungen von »Weite«.

Liebe, Weisheit, Gewissen

 

 

Was hat also die Liebe mit dem Ganzen zu tun? Stellen Sie sich vor, Sie hätten den größten materiellen Reichtum, aber Sie wären völlig allein auf dieser Welt: Das Leben wäre nicht lebenswert. Es wäre ein Horror, weil das Wichtigste darin fehlt. Und das ist jenes, was man nicht kaufen, nicht erzwingen und nicht herstellen kann. Es ist die zwanglose »Verbundenheit« zu anderen Menschen, das »Eins-Sein«, die Zugehörigkeit. Auf Dauer wird der Mensch krank, wenn er keine Zugehörigkeit empfindet und nicht gut mit anderen Menschen auskommt. Und diese Zugehörigkeit macht nur dann glücklich, »selig« und geborgen, wenn sie zwanglos ist. Daher heißt es: Ein anderer Mensch »gehört« einem nur dann, wenn er völlig freiwillig bleibt.

 

Der Mensch braucht »Macht«, um das Leben zu bewältigen, er braucht »Wirksamkeit«. Das ist der oben erwähnte technische Aspekt des Lebens. Aber hierbei spielt auch jenes eine wichtige Rolle, was wir als Liebe bezeichnen.

 

Liebe bedeutet unter anderem: Ich spüre, wie ich mich selbst fühle, und ich spüre, wie sich andere fühlen. Ich spüre, wie sich mein Verhalten auf andere Menschen und auf mich selbst auswirkt. Ich spüre, was für ein gutes und freudvolles Leben aller Menschen gut ist. Wenn ich das spüre, dann ergibt sich auch ein entsprechendes Verhalten: Ich tue mir selbst nichts, was nicht gut ist, und ich tue anderen nichts, was ich selbst nicht will. Hieraus ergeben sich auch wichtige Hemmschwellen, um keine unnötigen Schäden anzurichten. Liebe bedeutet Mitgefühl, Rücksichtnahme und Wohlwollen. Da geht es nicht um Kitsch und Schwärmerei, sondern um das, was für ein gutes Leben nötig ist. Somit steckt auch in dem, was wir »Liebe« nennen, etwas Technisches, ein technischer Aspekt des Lebens.

 

Als Kinder zum Beispiel wollen wir mehr oder weniger ständig andere Menschen um uns haben, mit denen wir das Leben genießen können. Mit dem Älterwerden steigen dann die technischen Anforderungen des Lebens und es besteht die Gefahr, dass sich ein »Ego« entwickelt, welches oft dazu führt, die wahren Werte des Lebens zu vergessen.

 

Besonders dann, wenn der Mensch leidet und Angst hat, neigt er zur Lieblosigkeit und somit auch dazu, sich selbst und anderen Menschen das Leben unnötig schwer zu machen. In Angst und Not neigt ein Großteil der Menschen zum Egoismus, zur Zwanghaftigkeit und zur Bösartigkeit. Man will dann die Macht an sich reißen, neigt zur Gier, zum Neid, zur Missgunst und zur Gewalt. Man neigt dann dazu, das »reine Herz« oder das »Gewissen« zu verdrängen. Damit verliert man das Gefühl für das, was weise und richtig ist, für jenes, was für die Lösung von Problemen und für ein gutes Leben sinnvoll ist. Daher heißt es: In der Not zeigt sich der Charakter der Menschen. Und hier zeigt sich auch, warum der Mensch das Leiden »braucht«: Es macht ihn darauf aufmerksam, dass er etwas besser machen kann oder soll als bisher.

 

Wenn jemand zum Beispiel übermäßig egoistisch ist, nach materiellem Luxus und Macht strebt oder sogar gewalttätig gegenüber anderen Menschen ist, so hat er vergessen, wer er in Wirklichkeit ist. Es ist ihm nicht bewusst, dass er im Grunde nach menschlicher Verbundenheit strebt, dass aber seine Zwanghaftigkeit bzw. Lieblosigkeit ein falsches Mittel ist, um seine wahren Sehnsüchte nach menschlicher Einheit zu erfüllen. Denn im Egoismus und in der Zwanghaftigkeit ist man auch dann einsam, wenn man liebende Menschen um sich hat. Man spürt innerlich keine Liebe, welche das einzige ist, was uns erfüllt. Die innere Liebe ist der »Füllstoff« des Lebens, der sich aus einem äußerlich liebevollen Umgang miteinander ergibt.

 

Natürlich ist es manchmal unumgänglich, Kämpfe zu führen, denn es gibt viel Schlechtes in dieser Welt. Manchmal ist es wichtig, sich dafür einzusetzen, dass sich etwas zum Besseren wandelt. Aber man kann auch den »guten Kampf« lernen und man muss auch wieder loslassen, wenn man glücklich werden will.

Aus der Liebe heraus verhält man sich – abgesehen von bestimmten Notsituationen, wo es um berechtigte Verteidigung geht – rücksichtsvoll und wohlwollend. Durch das Gewissen bzw. das »offene Herz« weiß man, dass man egoistisches Verhalten bereuen würde. Das direkte Gegenteil von Liebe ist daher nicht die Angst, sondern das Ego, das Zwanghafte und das Bösartige in verschiedenen Abstufungen und Arten.

 

Wenn man das wirklich durchschaut, dann wird man das Egoistische und Zwanghafte immer mehr loslassen. Man hat es nicht mehr nötig, sondern erkennt es als Blockade für das Leben. Deshalb wird Liebe oft im Zusammenhang mit Weisheit genannt.

 

Die übertriebene Angst ist oft die Folge von Unklarheit bzw. Unwissen und eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten (Ohnmacht). Aber erst in der Reaktion auf schwierige Situationen zeigt sich, ob man sich zu bösen Handlungen hinreißen lässt.

 

Die Liebe ist also nur dann ein Angstlöser, wenn man zu ihr auch das Verstehen des Lebens zählt. So sagte beispielsweise Hermann Hesse: »Niemand ist weise, der nicht das Dunkel kennt.« Das »reine Kind« kennt das Dunkle bzw. das Böse nicht, deshalb läuft es Gefahr, darauf hereinzufallen. Nur durch ein gewisses Verstehen des Lebens kann Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und in die Welt entstehen, und dazu gehört auch, andere Menschen und Tiere als empfindsame Wesen zu verstehen.

Es gibt in Wahrheit kein letztes Verständnis ohne Liebe.

Christian Morgenstern, deutscher Schriftsteller, 1871 – 1914

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