Das Gegenteil von Angst ist Vertrauen

 

Dieser Artikel soll zeigen, warum das direkte Gegenteil von Angst das Vertrauen ist und was dieses mit der Liebe zu tun hat, weil auch die Liebe oft als Gegenteil von Angst bezeichnet wird.

Ein falsches Verständnis von Liebe fördert Angst

 

 

Ja, die Liebe kann helfen, Ängste zu lösen, aber es kommt dann darauf an, was man unter der Liebe versteht. Ein einseitiges Verständnis von der Liebe kann dazu führen, dass sich eine gesunde Ich-Stärke auflöst bzw. eine Ich-Schwäche einstellt, die ein Kernthema vieler psychischer Probleme ist, gerade auch von Angststörungen und Depressionen.

 

Ich-schwach zu sein bedeutet, dass man sich über die Richtigkeit der eigenen Gedanken und des eigenen Verhaltens nicht sicher ist. Die Folge: Das natürliche Gefühl von »Ich verhalte mich richtig« ist schwach oder ganz verloren. Es entsteht nicht mehr aus der Selbstbewertung bzw. dem Selbstbild, sondern daraus, wie man das Verhalten anderer Menschen wahrnimmt. Die Aufmerksamkeit ist zu sehr darauf gerichtet, was andere Menschen denken. Man kann auch sagen: Andere Menschen und deren Signale bekommen durch die eigene Wahrnehmung zu viel Macht über die eigenen Gefühlszustände. Eine gesunde Distanz (Abgrenzung) nach außen, zu anderen Menschen und deren Signalen, ist mehr oder weniger aufgelöst. Man sucht übermäßig nach Bestätigung von anderen Menschen, ist »bedürftig«. Man fühlt sich umso schlechter, je weniger Bestätigung man bekommt und je mehr man kritische bzw. ablehnende Signale wahrnimmt. Dieser Kreislauf ist ein ständiger Nährboden für innere Ohnmacht, Angst und Scham.

Der natürliche Sinn der Angst

 

Von ihrem natürlichen Sinn her schützt die Angst das Leben. Sie macht wach und mobilisiert den Körper, um etwas gegen eine problematische Situation der Gegenwart oder Zukunft zu tun, also entweder direkt darauf einzuwirken oder sich davon zu distanzieren (»Kampf oder Flucht«).

 

Daher ist die Angst an sich kein Gegenteil von Liebe, sondern in einem passenden Ausmaß eine Dienerin des Lebens. Man kann sie auch als eine Dienerin der Liebe sehen, denn ein Hauptmerkmal einer liebevollen Haltung besteht darin, das Leben schützen zu wollen.

 

Man bekommt Angst, wenn man sich als unterlegen wahrnimmt. Ein solcher Zustand kann darauf beruhen, dass äußere Umstände übermächtig und schwierig sind, aber auch darauf – und das schreibe ich hier auch aus eigener Erfahrung – dass man gewisse eigene Fähigkeiten noch nicht ausreichend entwickelt hat, denn dadurch nimmt man auch Dinge, die an sich nicht gefährlich sind, als überfordernd wahr, woraufhin das Nervensystem eventuell mit Angst oder sogar Panik reagiert.

 

Das wirkliche Gegenteil von Angst

 

Wenn man Angst hat, so hat das also nicht immer mit einem Defizit an Liebe zu tun, sondern eher mit einem Defizit an Klarheit und Sicherheit über das eigene Verhalten und die Welt im Äußeren. Das Gegenteil ist Vertrauen. Man spricht auch von Selbstsicherheit und seit einiger Zeit auch von Selbstwirksamkeit. Ein weiterer Begriff in der Psychologie ist die »Kohärenz«. Ein Gefühl von Kohärenz ist das Gefühl der Ge-wiss-heit, dass die eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten genügen, um Situationen zu bewältigen: »Ich weiß, dass ich dieses und jenes kann, um diese und jene Situation zu bewältigen.«

Wir brauchen ein Mindestmaß an Klarheit und eingeübten Fähigkeiten, um sich »wirksam« zu fühlen, anstatt unterlegen bzw. überfordert. Das ist ein technischer Aspekt bzw. ein technisches Erfordernis des Lebens. Ein Mensch kann liebevoll sein, aber dennoch Angst haben, weil er mal unterlegen ist, weil seine Umstände überwältigend sind, weil er die Dinge momentan nicht überblickt oder weil ihm eine Routine im Verhalten fehlt.

 

Von der Liebe allein zum Beispiel kommt kein Essen auf den Tisch. Man muss Nahrungsmittel besorgen, wissen wie man kocht und das Essen tatsächlich zubereiten. Das sind technische bzw. formelle Erfordernisse des Lebens.

 

Übertragen auf das Zwischenmenschliche heißt das: Man braucht ein bisschen Menschenkenntnis, um zu wissen, wie man sich im Wesentlichen »gut« und »richtig« verhält oder eben nicht verhält, um mit anderen Menschen grundsätzlich gut auszukommen und weniger Angst vor anderen Menschen zu haben. Hier geht es nicht um übertriebenen Perfektionismus, sondern um ein Mindestmaß an »sozialer Kompetenz«. Klarheit und Verhaltenssicherheit schaffen Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Klarheit über die Welt im Äußeren schafft Vertrauen nach außen. Anstatt von Klarheit kann man ebenso von Wissen, Verstand, Bewusstsein oder Bewusstheit sprechen.

 

Vertrauen ergibt sich aus Bewusstheit und (Handlungs-)Fähigkeiten, somit ist das Vertrauen eines der direkten Gegenteile von Angst. Es ermöglicht eine gesunde Ich-Stärke und Abgrenzungsfähigkeit, zum Beispiel gegenüber Kritik und Ablehnungen. Daher haben Ich-Stärke und Abgrenzung an sich nichts mit Egoismus zu tun, sondern mit einer natürlichen inneren Stabilität, die für das Leben wichtig ist. Und das Vertrauen ermöglicht Freiheit. Man spricht etwa auch von eingeschränkten oder erweiterten »Handlungsspielräumen«. Auch die Freiheit kann man daher als ein Gegenteil von Angst sehen. Tatsächlich stammt das Wort Angst von »angustus« für »Enge, Beengung, Bedrängnis«. Mit der Freiheit gehen auch Empfindungen von Weite einher.

Wenn man zum Beispiel unter Ängsten leidet wie etwa der Angst vor Katastrophen, vor dem Weltuntergang oder vor dem eigenen Tod oder dem Tod vertrauter Mensch, dann zeigt sich auch hier, dass mehr Klarheit über die Existenz hilft, solche Ängste zu verlieren. So haben Menschen, die an das »Licht« als den Ursprung des Menschen im Jenseits glauben, weniger Angst vor dem Tod oder der Vorstellung, die Erde könnte untergehen. Sie sind überzeugt davon, dass der Tod nur ein Übergang in die primäre Existenzform des Menschen ist und irgendwann alles seinen Ausgleich bzw. seine Heilung oder »Sühne« erreicht. Solche Ausblicke schaffen Vertrauen in die Zukunft, vor allem in schwierigen Lebenssituationen.

Liebe, Weisheit, Vertrauen

 

 

Was hat also die Liebe mit dem Ganzen zu tun? Letztlich kann man das Leben nur im Zusammenhang mit der Liebe verstehen. Warum?  Weil jenes, was uns wirklich wichtig ist im Leben, die Verbundenheit zu anderen Menschen ist. Auf Dauer wird der Mensch krank, wenn er keinen Austausch zu anderen Menschen hat.

 

Als Kinder zum Beispiel wollen wir mehr oder weniger ständig andere Menschen um uns haben, mit denen wir das Leben genießen können. Mit dem Älterwerden kommen all die Anforderungen des Lebens und es besteht die Gefahr, dass sich ein »Ego« entwickelt, welches oft dazu führt, die wahren Werte des Lebens zu vergessen.

Wenn jemand zum Beispiel übermäßig egoistisch ist, nach materiellem Luxus und Macht strebt oder sogar gewalttätig gegenüber anderen Menschen ist, so hat er vergessen, wer er in Wirklichkeit ist. Es ist ihm nicht bewusst, dass er im Grunde nach menschlicher Verbundenheit strebt, dass seine Zwanghaftigkeit aber ein falsches Mittel ist, um seine wahren Sehnsüchte nach menschlicher Einheit bzw. Verbindung zu erfüllen. Im Egoismus und in der Zwanghaftigkeit ist man auch dann einsam, wenn man liebende Menschen um sich hat. Denn was macht die Liebe aus?

 

Sie ist das einzige, was uns wirklich von innen her erfüllt. Sie bewirkt auch eine liebevolle Verhaltenseinstellung und letztlich das tatsächliche Verhalten gegenüber sich selbst und anderen Menschen. Aus der Liebe heraus verhält man sich – abgesehen von bestimmten Notsituationen, wo es um berechtigte Verteidigung geht – rücksichtsvoll und wohlwollend. Durch das Gewissen bzw. das »offene Herz« weiß man, dass man egoistisches Verhalten bereuen würde. Das Gegenteil der Liebe ist nicht die Angst, sondern das Ego, das Zwanghafte und das Bösartige in verschiedenen Abstufungen und Arten.

Wenn man das wirklich durchschaut, dann wird man das Egoistische und Zwanghafte immer mehr loslassen. Man hat es nicht mehr nötig, sondern erkennt es als Blockade für das Leben. Deshalb wird Liebe oft im Zusammenhang mit Weisheit genannt.

Die übertriebene Angst ist oft die Folge von Unklarheit bzw. Unwissen und eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten. Aber erst in der Reaktion auf schwierige Situationen und entsprechende Gefühlszustände wie Angst, Ärger, Schuld oder Trauer zeigt sich, ob man sich zu bösen Handlungen hinreißen lässt. Auch hieran zeigt sich, dass die Angst an sich kein direktes Gegenteil der Liebe ist, sondern erst die egoistische Absicht und Handlung, die aus der Angst entstehen können.

 

Die Liebe ist also nur dann ein Angstlöser, wenn man zur Liebe auch ein höheres Verstehen des Lebens zählt. So sagte beispielsweise Hermann Hesse: »Niemand ist weise, der nicht das Dunkel kennt.« Das »reine Kind« kennt das Dunkle bzw. das Böse nicht, deshalb läuft es Gefahr, darauf hereinzufallen. Nur durch ein gewisses Verstehen des Lebens kann Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und in die Welt entstehen, was eine Voraussetzung dafür ist, weniger Angst zu haben.

Es gibt in Wahrheit kein letztes Verständnis ohne Liebe.

Christian Morgenstern, deutscher Schriftsteller, 1871 – 1914

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