Angst und Depression überwinden – meine 6 Schritte

 

 

Die folgenden sechs Faktoren sind meiner Erfahrung nach die wichtigsten, um sich von Angststörungen und Depressionen zu befreien. Sie sollten jedoch nicht zu sehr getrennt voneinander betrachtet werden, da sie eng zusammenhängen.

 

Haftungsausschluss: Dieser Artikel stellt keine für jeden Menschen allgemeingültige Anleitung zur psychischen Selbsttherapie dar. Er schildert die persönlichen Erfahrungen und Erkenntnisse des Autors.

 

Inhalt

 

  1. Die wirklichen Ursachen erkennen

  2. Bereit sein für Lern- und Veränderungsprozesse

  3. Die Verantwortung nicht zu sehr an Fremdhilfe abgeben

  4. Das körperliche Denken spüren lernen

  5. Die Opferrolle begreifen und auflösen

  6. Das Loslassen und »Ersetzen« üben

1. Die wirklichen Ursachen erkennen

 

Erkenntnis ist das Begreifen der Ursachen und der Zusammenhänge.

Ludwig Wittgenstein, österr. Philosoph, 1889 – 1951

Nicht nur bei körperlichen, sondern auch bei psychischen Leidenszuständen ist es sehr verbreitet, nur symptomatisch vorzugehen, anstatt ursächlich. Beispielsweise wird bei Ängsten die Konfrontation angstauslösender Situationen oft als Allheilmittel angepriesen. Ängste können jedoch vielschichtig sein und beispielsweise auf einer unbewusst angewöhnten Selbstablehnung basieren. Wenn solche Muster unbewusst bleiben, so lösen sich Angstreaktionen durch Konfrontationsübungen nur leicht oder überhaupt nicht.

 

Eine tiefgehende psychische Therapie ist in den meisten Fällen eher eine Lebenstherapie bzw. eine ganzheitliche Therapie einer Lebenssituation, bei der mehrere entscheidende Faktoren beleuchtet werden sollen. Die Anwendung bestimmter Methoden und die Veränderung von Alltagsgewohnheiten werden auch effektiver, wenn man deren Sinn im Zusammenhang mit den wirklichen Ursachen erkennt.

 

Wirklich begreifen, worauf es ankommt, kann man zwar erst, wenn sich die Symptome körperlich spürbar bessern, denn dadurch entsteht ein Kontrast zu vorher. Plötzlich bemerkt man beispielsweise, warum durch die Veränderung einer bestimmten Sichtweise oder einer Verhaltenseinstellung körperlich spürbar alles leichter wird. Aber man kann schon vor dieser körperlich spürbaren Erleichterung eine Ahnung davon bekommen, worauf es ankommt.

 

Extrem vereinfacht ausgedrückt besteht das Kernproblem der meisten Depressionen und Angstprobleme darin, dass man sich selbst im Zusammenhang mit anderen Menschen und äußeren Umständen als unterlegen betrachtet, um das Leben wie gewünscht zu gestalten. Man sieht sich gegenüber anderen Menschen und Umständen eher ausgeliefert und bedroht, anstatt in einer natürlichen »Hoheit«. Die Aufmerksamkeit ist eher darauf gerichtet, was an negativen Dingen passieren könnte, anstatt auf einen positiven (erwünschten) Verlauf der Dinge. Folglich ist man automatisch eher in eine Haltung von Widerstand und Anstrengung (Flucht, Kontrolle, Kampf …).

 

In einem psychisch freieren Zustand ist man eher »gleichmütig«, bejahend und zuversichtlich. Dadurch ist man eher von angenehmen bzw. heilsamen Gefühlszuständen erfüllt. Man empfindet eine natürliche Hoheit (»Wirksamkeit«) über das Leben. Man fühlt sich eher »richtig«, geborgen und zufrieden, auch wenn nicht immer alles so läuft wie gewünscht. Es besteht eine gewisse »Toleranz« gegenüber Unsicherheiten.

 

Dass man als betroffener Mensch kein tieferes Ursachenverständnis erreicht, kann auch daran liegen, dass man die Ursachen psychischer Probleme einzig oder überwiegend im Körperlichen sehen will. Nur weil beispielsweise Schilddrüsenwerte leicht aus der Norm zu sein scheinen, wird Betroffenen oft eingeredet, die Schilddrüse sei die Ursache für die psychischen Symptome. Die Gene müssen oft herhalten, wenn man sonst keine Erklärung hat. Solche Gedanken zu hören kann für Betroffene willkommen sein, weil körperliche Probleme in unserer Gesellschaft mehr akzeptiert werden als psychische. Außerdem kann man die Therapie körperlicher Probleme mehr an die Medizin abgeben, anstatt selbst die Verantwortung dafür zu übernehmen, wie es bei psychischen Problemen viel mehr erforderlich ist. In den meisten Fällen liegen die Ursachen und Lösungsmöglichkeiten von Depressionen, Angststörungen und anderen psychischen Problemen aber im Bewusstsein, was jedoch nicht bedeutet, man könne alles nur in der gedanklichen Theorie lösen. (Mehr dazu im 4. Schritt.)

2. Bereit sein für Lern- und Veränderungsprozesse

 

Um klar zu sehen reicht oft ein Wechsel der Blickrichtung.

Antoine de Saint-Exupery, franz. Schriftsteller, 1900 – 1944

In einer schwierigen Lebenssituation kann es passieren, dass die bisherigen Sichtweisen und Verhaltensmuster nicht genügen, um mit dem Leben klarzukommen. Das momentane Verstehen und Verhalten eines Menschen bewirkt entweder eher eine Lösung oder eher eine Verstärkung seiner Problemsituation. Beispiele für Problemverstärkungen: Ich verstehe eine Zurückweisung nicht und steigere in der Folge meinen beruflichen Perfektionismus, um mein persönliches Bedeutungsgefühl (»Selbstwertgefühl«) künstlich zu steigern, oder ich werde im Umgang mit anderen Menschen generell zwanghafter, um mich beachtet und gehört zu fühlen.

 

Solange der Leidensdruck nicht stark genug ist, verharren Menschen in gewohnten Sichtweisen und Verhaltensmustern bzw. in der sogenannten Komfortzone, weil sie sich darin sicher fühlen. Und Sicherheit ist uns Menschen als eines der wichtigsten grundsätzlichen Bedürfnisse manchmal sogar wichtiger als die Erlösung von gerade noch erträglichen Leidenszuständen.

 

Oft wird es so dargestellt, als seien psychische Leidenszustände rein innerliche Probleme, die von den äußeren Umständen unabhängig seien. In vielen Fällen ist es jedoch auch nötig, das persönliche Leben im Äußeren anders zu gestalten. Daher kann man die menschliche Psyche nicht immer – wie es oft dargestellt wird – völlig unabhängig von den äußeren Dingen bzw. isoliert in einzelnen Sitzungen »flicken«. Das Innere eines Menschen, sein Verhalten und sein Äußeres ist ein zusammenhängender »Organismus«. Im Grunde geht es immer nur um zwei Lebensbereiche: Die materielle Existenz und die menschlichen Beziehungen.

 

Wir Menschen neigen dazu, nur auf jene Denk- und Verhaltensmuster zurückzugreifen, die wir momentan kennen, die wir gewohnt sind. Wir bemerken lange Zeit nicht, dass es noch eine Vielzahl anderer Möglichkeiten im Erleben (Denken, Fühlen, Wahrnehmen) und Verhalten gibt, um innerlich zufriedener sein zu können und das Leben auch äußerlich zufriedenstellender gestalten zu können. Eines der wichtigsten Prinzipien der Weisheit besteht deshalb darin, sich anderen Sichtweisen und Möglichkeiten zur Lebensgestaltung aufzuschließen.

 

Fast alle unserer Sicht- und Verhaltensweisen sind einfach nur übernommen und angewöhnt (konditioniert). Als Kinder können wir nicht anders, als das zu übernehmen, was wir »sehen«. Wir lernen ganz automatisch durch Sehen, Empfinden, Kopieren und Simulieren. Solange man keine besseren Möglichkeiten wahrnimmt, weiß man nicht, dass es noch viele andere Möglichkeiten gibt. So sagt man etwa auch, im Nachhinein sei man immer gescheiter, denn im Nachhinein sieht man plötzlich andere Zusammenhänge einer Sache, nicht nur einzelne Aspekte davon. Beispielsweise ärgert man sich automatisch weniger über andere Menschen, sobald man tiefer versteht, warum diese Menschen so sind, wie sie eben sind.

 

Mit dem menschlichen Bewusstsein hat man die Fähigkeit, innerlich aus der momentanen Kurzsichtigkeit herauszutreten und eine übergeordnete, ganzheitliche Sicht auf eine Situation einzugehen. Dadurch wird es möglich, andere Aspekte und »wirksamere« Möglichkeiten im positiven Sinne zu erkennen, um das Leben zufriedenstellender zu gestalten und die eigenen Sichtweisen so zu ändern, um sich besser zu fühlen.

 

3. Die Verantwortung nicht zu sehr an Fremdhilfe abgeben

 

Offenbar glauben Menschen an sie [an Psychotherapie, Anm.], wie sie an Lourdes glauben. Sie erwarten Wunder von der Psychotherapie.

Asmus Finzen, schweiz. Sozialpsychiater, geb. 1940[1]

Die Kombination aus eigener Hilflosigkeit einerseits, und den Wirksamkeitsversprechen vieler Anbieter am Psychomarkt andererseits, führt bei vielen Betroffenen zu unrealistisch hohen Erwartungen an psychische Hilfsangebote. Auch Psychotherapieverbände greifen zu pauschalen Aussagen wie »Psychotherapie wirkt«, als ob man überall eine wirksame Therapie bekommen würde, nur weil man zu einem Psychotherapeuten geht. Oft wird auch gesagt, man würde aus psychischen Leidenssituationen einzig und allein durch bestimmte Therapien herauskommen. Solche Behauptungen tragen viel dazu bei, dass zahlreiche betroffene Menschen von psychologischen Angeboten abhängig werden und in überlange »Patientenkarrieren« geraten.

 

Auch die besseren Angebote des Psychomarktes wirken nicht immer, und wenn schon, dann wirken sie nicht immer tief und nachhaltig genug. Dies liegt einfach daran, dass ein mentaler Therapeut die Psyche und das Leben eines anderen Menschen nicht so direkt »operieren« kann wie etwa ein Chirurg den Körper.

 

Jeder psychische Therapeut und Berater kann nur ein Helfer, ein Impulsgeber sein, ähnlich wie ein Musiklehrer seinen Schülern das Spielen nur zeigen, es ihnen aber nicht abnehmen kann. Eine erwünschte Wirkung hängt bei psychischer Heilung und Entwicklung ganz wesentlich von der Eigenverantwortung der Klienten ab. Vor allem muss der Sinn der Hilfe aus der eigenen Sicht verstanden und eigenverantwortlich im Lebensalltag verwirklicht werden. Es genügt auch sehr oft nicht, durch Gespräche psychologische Erkenntnisse zu erreichen, denn entscheidender ist die körperlich spürbare Erleichterung der Gefühlszustände durch längerfristig veränderte Sichtweisen und Verhaltensgewohnheiten. Psychotherapie kann daher in den meisten Fällen nur eine Hilfe zur Selbsthilfe sein.

 

In einzelnen Therapiesitzungen entstehen wesentliche Durchbrüche eher dann, wenn es um reine Verständnisprobleme geht, also etwa darum, dramatische Ereignisse der Vergangenheit besser zu verstehen wie Verluste, Zurückweisungen oder berufliche Misserfolge. Für die meisten Betroffenen sind es jedoch eher kleinere Schritte, durch die das Leben leichter wird, indem belastende Gewohnheiten im Denken, Fühlen und Verhalten ersetzt werden durch weniger belastende. Dazu gehören zum Beispiel Muster wie Selbstablehnung, Vergleichsdenken, Unzufriedenheit durch Abwertungen, Unaufgeschlossenheit gegenüber Lern- und Veränderungsmöglichkeiten, sowie zwanghafte Gefühls- und Verhaltensmuster wie etwa Eifersucht, Sucht nach Bestätigung oder übermäßiger Perfektionismus. Die Heilung kommt dann nicht von außen durch eine Therapie in einen Menschen hinein, sondern erwächst aus dem Inneren eines Menschen selbst.

4. Das körperliche Denken spüren lernen

 

Alles ist Energie, und dazu ist nicht mehr zu sagen. Wenn du dich einschwingst in die Frequenz der Wirklichkeit, die du anstrebst, dann kannst du nicht verhindern, dass sich diese manifestiert. Es kann nicht anders sein. Das ist nicht Philosophie. Das ist Physik

Albert Einstein

Psychische Heilung tritt letztlich erst ein, wenn sich belastende Gefühlszustände dauerhaft reduzieren oder auflösen, wodurch Raum frei wird für angenehmere Gefühlszustände. Das erreicht man jedoch nicht allein über das theoretische Denken. In der Psychologie weiß man das schon lange. Trotzdem sind psychische Hilfen oft immer noch sehr kopflastig. Daher ist es wichtig, zu erkennen, was das Denken überhaupt ist.

 

Generell ist das Denken ein inneres »Sehen«. Es besteht aus »inneren Filmen«, also aus Vorstellungen darüber, wie Lebenssituationen sind bzw. verlaufen werden, inklusive der Wünsche, Absichten und Verhaltenseinstellungen. Wenn mir beispielsweise jemand etwas aus seinem Leben erzählt, irgendein Ereignis, so verstehe ich dieses nicht durch die Worte selbst, sondern weil in meinem Inneren ein Film aus Bildern und Empfindungen zu den Worten entsteht. Die Worte selbst sind eigentlich nur Daten bzw. Informationen, die der Kommunikation dienen. Umgekehrt kennt es jeder Mensch, dass er etwas in Worten erklären will, er aber nicht die richtigen Worte findet, während er innerlich durch Bilder und Empfindungen genau weiß bzw. sieht und spürt, worum es geht. Innerlich ist schon ständig das ganze »Bild« oder ein »Film« vorhanden. Abgesehen von den Sichtweisen haben Menschen auch ständig mehr oder weniger Ab-sichten, denn der Mensch ist vom »Willen« angetrieben. Aus dem Willen entstehen Absichten und Verhaltenseinstellungen. Bin ich etwa in der Haltung, andere Menschen ständig beeindrucken zu müssen, dann mache ich mir viel unnötigen Stress.

 

Wir stark sich diese inneren Filme nun auf das Nervensystem und somit auf die Empfindungen auswirken, hängt davon ab, wie »ernst« man sie nimmt, und dies entscheidet man nicht so sehr im Kopf, sondern eher im Körper. Man sagt etwa auch, man würde sich etwas »zu Herzen« nehmen. Im Herz entscheidet man, wie »ernst« man etwas nimmt oder für wie »wahr« man etwas hält. So spricht man auch von »Wahrnehmung« oder davon, dass man sich »hineinsteigern« würde. Je tiefer Sie sich spüren, umso eher werden Sie erkennen, dass sie Ihre angenehmen und unangenehmen Empfindungen zusammen mit den inneren Bildern vom Herz ausgehend lenken können und sich damit innerlich unabhängiger machen können von äußeren Umständen.

 

Der Mensch kann viele »Filme« gleichzeitig und unbewusst durchlaufen. Auch wenn sie unbewusst sind, können sie eine starke nervliche Wirkung entfalten, also etwa Freude oder stressvolle Empfindungen wie Angst oder Trauer. Daher können beispielsweise Panikattacken scheinbar aus dem Nichts entstehen. In Wirklichkeit beruhen sie auf konkreten »Gedanken«.

 

Die meisten Depressionen und Angststörungen beruhen darauf, dass innerlich eine starke Identifikation (ein »Für-wahr-Halten«) mit stresserzeugenden Vorstellungen und Gemütshaltungen aktiv ist, die jedoch nicht oder nur teilweise bewusst sind. Zur Befreiung ist es nötig, diese Vorstellungen und Haltungen zu erkennen und zu lösen. Sie lösen sich, indem man sie ersetzt durch solche, die weniger Stress erzeugen, sondern angenehmere Gefühlszustände erlauben. Erst wenn man erkennt, wie unmittelbar dieses innere Denken mit dem Nervensystem verbunden ist, so erreicht man das sogenannte Unbewusste und es wird leichter, leidvolle Muster zu ersetzen durch angenehmere.

 

Je mehr der Körper durch ein »negatives« Bewusstsein in Stress geraten ist, umso sinnvoller kann es sein, die ersehnte Erleichterung auch über den Körper herbeizuführen, also etwa durch bewussteres Atmen oder durch ein bewusst gelasseneres, körperliches Verhalten im Alltag. Beispielsweise besteht der Sinn der Meditation nicht nur darin, kurzfristige geistige und körperliche Beruhigungen zu erreichen, sondern eher darin, generell in ein überwiegend lockeres und ruhiges Körpergefühl im Alltag zu gelangen.

 

5. Die Opferrolle begreifen und auflösen

 

Nichts auf dieser Welt geschieht umsonst. Nur wir Menschen sehen oft den Sinn nicht. Bei einer Krankheit musst du umschulen: Vom Opfer zum Aktivisten.

Dr. Ebo Rau, deutscher Mediziner, geb. 1945

Ein Opfer zu sein gilt besonders in der heutigen Zeit, in der es schick ist, glücklich und erfolgreich zu sein, als Schande. Daher fühlen sich Menschen, die tatsächlich zu einem Opfer wurden, oft auch noch schuldig für das, was ihnen angetan wurde. Egal ob man tatsächlich zu einem Opfer wurde oder nicht, besteht einer der wichtigsten Schritte zur seelischen Befreiung darin, sich in einer möglichen und übermäßigen Opferrolle zu erkennen.

 

Wie kommt es – abgesehen von direkten und offensichtlichen Gewaltsituationen – zur sogenannten Opferrolle? In schwierigen Situationen sind die momentanen Möglichkeiten, um Zufriedenheit zu erreichen, nicht immer sichtbar. Plötzlich erscheinen die Dinge als nicht (ausreichend) gestaltbar und dadurch als übermächtig. Daraus können unbewusst problematische Kreisläufe entstehen, die das Nervensystem in Dauerstress versetzen:

  • Die grundsätzliche Sichtweise und somit das Gefühl, ein Opfer anderer Menschen, der Systeme oder der Welt zu sein: »Ich bin anderen Menschen / dem Leben / der Welt ausgeliefert.« Die Aufmerksamkeit bleibt dadurch eher auf das Schlechte und Bedrohliche fokussiert.

  • Man sieht mögliche eigene Fehler und Versäumnisse nicht ein, und ergreift Lern- und Gestaltungsmöglichkeiten nicht (ausreichend), was jedoch wichtig wäre, um mehr Selbstsicherheit und Selbstvertrauen zu erreichen.

  • Überzeugungen und entsprechend selbstaggressive Empfindungen, nicht liebenswert zu sein, an allem selbst schuldig zu sein, von anderen Menschen vernachlässigt, bedroht und/oder isoliert zu sein. Einer der entscheidendsten Faktoren zur Befreiung liegt deshalb darin, in ein Selbstbild zu kommen, grundsätzlich liebenswert, »gut« und »richtig« zu sein, auch wenn von außen nicht immer die erwünschte Freundlichkeit kommt.

  • Die Einstellung, eine Besserung sei nur möglich, wenn sich zuerst andere Menschen oder gar die Welt ändern. Damit stellt man eine stressvolle Bedingung: »Solange sich die Menschheit nicht bessert, kann es mir nicht gut gehen.« Je mehr man die eigene Zufriedenheit abhängig sieht vom Verhalten anderer Menschen, umso mehr wird man blind gegenüber den eigenen Möglichkeiten (gegenüber der eigenen »Hoheit«), das Leben zu gestalten und alleine schon durch veränderte Sichtweisen und Haltungen zufriedener sein zu können.

  • Eine übertrieben ablehnende, zwanghafte oder kämpferische Haltung gegenüber anderen Menschen und äußeren Umständen. »Ich muss andere Menschen und die Welt regulieren oder bekämpfen, damit sie zur Vernunft kommen und damit es mir besser geht.« Auch Haltungen wie Neid, Missgunst und Hass können sich manifestieren und zur scheinbaren Normalität werden.

  • Man neigt vielleicht sogar dazu, Konflikte mit anderen Menschen zu provozieren, um sich selbst zu bestätigen, dass die anderen die Bösen sind.

  • Die Sucht nach Sicherheit kann übermäßig groß werden, so etwa das Verlangen nach Beachtung, Freundlichkeit, Bewunderung oder materiellem Wohnstand. Damit sinkt die Fähigkeit, gegenüber Unsicherheiten gleichgültig bzw. resistent oder »tolerant« zu sein.

  • Die Erwartungen an das Gesundheitssystem, an Therapieangebote und Beratungen sind unrealistisch hoch: »Das System ist für meine Heilung verantwortlich; Therapie muss mich gesund machen.«

  • Teufelskreis Krankheitsgewinn: Der Bedarf nach äußeren Hilfen kann sogar dazu führen, bewusst oder unbewusst nicht mehr gesund werden zu wollen: »Wenn ich gesund werde, bekomme ich keine Unterstützung mehr, also darf ich (nicht ganz) gesund werden.« Zu den eingeforderten Hilfen gehören vor allem die Leistungen des Gesundheits- und Sozialsystems und die Hilfe von Freunden und Verwandten.

 

Unter mentalen Fachleuten ist die Ansicht verbreitet, viele Menschen seien nur scheinbar gesund, sie hätten nur deshalb keine auffallenden psychischen Leidenszustände, weil sie angepasst und abgestumpft seien. Menschen mit Depressionen und anderen psychischen Problemen werden hingegen insofern als gesund betrachtet, weil ihr Leiden eine angemessene Reaktion auf belastende Umstände und Ereignisse sei. Hierin steckt sicher vieles an Wahrheit, aber man darf das Ganze nicht zu einseitig betrachten und den Spieß nicht einfach völlig umdrehen, denn dies kann dazu führen, dass Betroffene erst recht in der Opferrolle bleiben und dann meinen, ewig »Therapie« zu brauchen. Sobald sich ein Mensch irgendwie als Opfer anderer Menschen wahrnimmt, wird automatisch Angst aktiv, auch wenn diese Selbstwahrnehmung als Opfer nicht real und nicht bewusst ist.

 

Natürlich ist es wünschenswert, dass sich auf dieser Welt vieles bessert. Aber die Menschheit befindet sich in der Entwicklung und braucht dafür ihre Zeit. Wer sein eigenes Wohlergehen zu sehr von der Bedingung abhängig macht, dass andere Menschen oder »die Welt« zur Einsicht kommen und sich bessern, wird lange warten können. Viele von psychischen Problemen betroffene Menschen sind sehr engstirnig mit ihren Vorstellungen darüber, wie alles sein soll und nicht sein soll. Es ist dann auch schwierig, den eigenen Unfrieden mit anderen Menschen und der Welt zu lösen, und das bedeutet Stress für das Nervensystem.

 

Gerade die schwierigen Situationen sind oft die größten Lernfelder. Im Grunde geht es immer um drei Möglichkeiten:

  • Ich ergreife meine Möglichkeiten, um auf eine Situation direkt einzuwirken und zufriedener damit sein zu können (sie akzeptieren zu können). Dazu kann es nötig sein, lebenspraktische, berufliche oder soziale Fähigkeiten zu entwickeln oder zu erweitern, um mehr Selbstvertrauen zu bekommen.

  • Ich lerne es, mit dem zufrieden zu sein, was nicht (sofort) zu verändern ist. Es kann nötig sein, besonders die Fähigkeit der inneren Gleichgültigkeit zu üben, um sich anderen Menschen und äußeren Menschen gegenüber nicht so sehr ausgeliefert zu fühlen.

  • Ich verlasse eine Situation äußerlich teilweise oder völlig. So kann man etwa den Kontakt zu schwierigen Menschen reduzieren oder eine Arbeitssituation verlassen.

Ein Berater meinte einmal, bei dieser Aufzählung würde eine vierte Möglichkeit fehlen, annnämlich sich selbst zu ändern. Aber diese Möglichkeit ist sowieso automatisch in all den drei Möglichkeiten enthalten bzw. impliziert. Wenn ich etwa lerne, mit einer Situation zufriedener zu sein, indem ich meine Sicht darauf und meinen Umgang damit verändere, so ändere ich mich auch selbst. Alle drei Möglichkeiten beinhalten immer auch eine »Selbständerung.«

6. Das Loslassen und »Ersetzen« üben

Lass los, und du hast zwei Hände frei.

Chinesisches Sprichwort

Im Grunde gibt es nur zwei Gefühlszustände: Friede und Unfriede. Zustände wie Angst, Schuld, Scham, Ärger, Zwang oder Anstrengung sind verschiedene Formen des »Unfriedens«. Das Loslassen hat nichts damit zu tun, nichts mehr zu wollen. Ganz allgemein gesehen ist es immer ein Vorgang, bei dem man unnötigen Stress loslässt, damit angenehmere Gefühlszustände spürbar werden. Der Zustand der psychischen Gesundheit ist ein Zustand der »Zufriedenheit«. Man spricht etwa auch von »innerem Frieden«. Dieser ist zwar abhängig von äußeren Umständen, aber nicht gänzlich. Viele von Angststörungen und Depressionen Betroffene haben das Gefühl, als sei es in die Lösung nur ein kleiner Schritt, weil diese innere Möglichkeit des Loslassens permanent präsent ist. Immer wieder erstaunt es mich, dass Hilfesuchenden sogar in jahrelangen Therapien diese Fähigkeit nicht ausreichend beigebracht wird.

 

Beispielsweise ist auch die Vergebung Loslassen. Sie hat nichts damit zu tun, heile Welt zu spielen, die Kontrolle über die Dinge ganz aufzugeben, nichts mehr erreichen zu wollen oder gleichgültig zu werden. Es bedeutet lediglich: keine unnötige Lebensenergie für Negativität, Widerstand, Kampf und »Anstrengung« zu verschwenden, sondern die Aufmerksamkeit wieder mehr auf das Gute, das Schöne und das Sinnvolle des Lebens zu richten. Es bedeutet, einen unnötigen »Krieg« aufzugeben und das Leben stattdessen auf sinnvollere, wertvollere Art anzunehmen. Auch außergewöhnliche Heilungen – wie etwa jene von Eckhart Tolle – beruhen im Grunde auf dieser Fähigkeit des Loslassens.

 

Der typisch depressive Mensch kann sein Nachdenken über vergangene Ereignisse kaum loslassen, weil er diese verstehen will und muss, um in Zukunft eine Hoheit über diese Dinge zu empfinden. Das Loslassen setzt voraus, problematische Ereignisse der Vergangenheit zu verstehen und zu erkennen, was richtig, sinnvoll und wertvoll ist. Wenn ich beispielsweise erkenne, welche Anteile ich selbst an Zurückweisungen und Misserfolgen hatte, so kann ich diese Versäumnisse in Zukunft vermeiden und ich erlange die Aussicht, dass mir das Leben in Zukunft besser gelingt.

 

Als Menschen sind wir von Grund auf zu einem gewissen Grad »angehaftet«. Das heißt, wir identifizieren uns mit Dingen und entwickeln dazu eine (oft starke) Bindung, also einen Willen, diese Dinge zu haben, zu erreichen. Zu diesen »Dingen« gehören nicht nur materielle und lebenspraktische Dinge wie Geld und Nahrung, sondern auch soziale (zwischenmenschliche) »Dinge« wie Beachtung, Zustimmung und Zugehörigkeit. Menschen können auch »falsche« Werte entwickeln, wie beispielsweise eine übermäßige »Sucht« nach Zustimmung und Bewunderung, oder eine starke Sucht nach Geld und materiellen Luxus. Um die angestrebten Lebensbe-ding-ungen zu erreichen und Wünsche zu erfüllen, greift jeder Mensch auf sein momentanes Wissen, seine Fähigkeiten und seine erlernten Verhaltensmuster zurück. Viele dieser Muster sind jedoch konkurrierend und kämpferisch. Sie belasten das Leben und sind letztlich nicht so wirksam, wie man es gerne hätte.

 

Durch schwierige Lebenssituationen verstärkt sich bei vielen Menschen das Problem der Anhaftung. Dadurch verringert sich eine gesunde Distanz zu all den Dingen. In einem psychisch freieren Lebenszustand nimmt man die Dinge nicht wichtiger als sie es sind. Man nimmt sich selbst und das Leben eher beobachtend, gleichmütig oder bejahend wahr. Man fühlt sich von innen her wertvoll und von anderen Menschen akzeptiert, lässt sich eher vom Leben tragen, anstatt alles unter Kontrolle haben zu wollen.

 

Einer der entscheidendsten Schritte bei der psychischen Heilung besteht also darin, das richtige Ausmaß des Loslassens bzw. der Nicht-Anhaftung zu finden. Einerseits will man nicht gleichgültig sein. Menschen haben einen natürlichen Drang in sich, Dinge zu verstehen, Dinge zu erreichen und ihr Potenzial zu entwickeln. Hierbei sind Zustände wie Unzufriedenheit, Ärger, Angst, Schuldgefühle, Widerstand und Anstrengung manchmal sinnvolle Begleiter (»Gefühlskompass«). Wer es jedoch übertreibt und nicht loslässt, kommt nicht mehr in die Ruhe. Man braucht auch die Fähigkeit, sich ein bisschen aus dem Geschehen herauszunehmen, also zum Beispiel die Wünsche und Ansprüche an sich selbst und andere Menschen nicht zu wichtig zu nehmen und besser über die Unvollkommenheiten von sich selbst und anderen Menschen hinwegzusehen, anstatt sich übermäßig daran zu kränken oder dagegen zu kämpfen. Dadurch wird es besser möglich, das Gute und Heilsame (»Heilige«) wieder mehr zu sehen und zu spüren, das Freudvolle und Erfüllende, das »Nicht-Käufliche« des Lebens, welches das eigentlich erfüllende ist.

Quellen

[1] Magazin Spiegel, 36/2000 ab S. 118

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